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Unter Tiefgläubigen und Kulturenthusiasten

  • Autorenbild: Hilda Steinkamp
    Hilda Steinkamp
  • 16. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Etappe 2: Pilgern dies- und jenseits der alten Stadtmauern Roms

Via Appia Antica
Via Appia Antica
Das Heilige Jahr 2025 läuft noch

Ich laufe mit. Drei weitere Kirchen stehen auf meiner Pilgerroute, päpstliche Basiliken, aber ohne Porta Santa wie in den drei Großkirchen auf meiner Etappe 1 und San Pietro auf meiner dritten Pilgeretappe.


Wieso eigentlich 7 Pilgerkirchen? Zunächst, im ersten Heiligen Jahr 1300, waren es nur St. Peter und St. Paul, die Basiliken der beiden Apostelfürsten, die von bußwilligen Pilgern angesteuert werden mussten. Dann kamen die beiden anderen Hauptkirchen hinzu: San Giovanni in Laterano und Santa Maria Maggiore. Die Anzahl auf 7 hat Philipp Neri im 16. Jahrhundert der Gegenreformation aufgestockt mit drei weiteren Kirchen, jede auf ihre Weise bedeutsam als Herberge für Reliquien oder Märtyrer.

Basilica di Santa Croce in Gerusalemme
Basilica di Santa Croce in Gerusalemme


















Basilica di San Sebastiano Fuori le Mura
Basilica di San Sebastiano Fuori le Mura

Basilica di San Lorenzo Fuori le Mura
Basilica di San Lorenzo Fuori le Mura







Die Erweiterung der Pilgerroute ging einher mit Lockerungen für die Ablass-Pilger. Noch 1350 musste die Strecke innerhalb von 24 Stunden zurückgelegt werden. Im Gründerjahr 1300 sollten St. Peter und St. Paul 30 Tage lang von auswärtigen Pilgern besucht werden, 15 Tage lang von Römern, später entfielen solche zeitlichen Auflagen. Und schon seit 500 Jahren reichen telepathische Gebete aus, um das Pilgerziel zu erreichen: Ablass der materiellen wie spirituellen Schuld.


Nicht immer war Barmherzigkeit der Kirchenmänner der Grund für aufgeweichte Pilgerbestimmungen. Eher deren pragmatische Intelligenz. Pest und andere Seuchen wüteten in Rom immer wieder in Heiligen Jahren, eingeschleppt von auswärtigen Pilgern, ausgelöst durch Übervölkerung und miserable sanitäre Zustände in der Stadt an der Kloake Tiber. Die hohe Pilgerzahl von 200.000 im ersten Heiligen Jahr konnte so drastisch fallen und den Geldfluss in die Kassen von Klerus und Stadt versiegen lassen. Da half nur PR-Raffinesse, wie etwa 1475: Einladung gekrönter Häupter aus ganz Europa zum Jubeljahr nach Rom und weite Verbreitung der Kunde mithilfe der "beweglichen Lettern" aus Gutenbergs Buchdruckerkunst.


7 Pilgerkirchen bedeuten Gleichstand mit den 7 Hügeln Roms. Sowie den 7 Werken der Barmherzigkeit, wie Fremde beherbergen und beköstigen und Unrecht ertragen. Und alle 7 Kirchen konnten an einem Tag fußläufig erreicht werden. Eine herausfordernde Pilgerreise, aber machbar. Heute gilt Reise- und Transportfreiheit. Mit meiner komfortabel rhythmisierten dreiteiligen Etappen-Pilgerfahrt liege ich also voll im Trend.


Station 4: Basilica di Santa Croce in Gerusalemme

Nein, keine Pilgerreise zur Wiege des Christentums, was ja aktuell zu Zeiten der wütenden Militäraktionen zwischen Israelis und Palästinensern auch nicht geboten erscheint. Sondern der Name für eine Reliquienkirche, auf den Fundamenten einer kaiserlichen Palastanlage errichtet. Kaiser Konstantin zog 324, nach Gründung der vier Hauptkirchen Roms, ins östliche Römische Reich, Mutter Helena zog 325 mit, allerdings auf Pilgereise nach Jerusalem mit archäologischem Interesse. Von dortigen Ausgrabungen brachte sie Passions-Reliquien mit: Holzsplitter vom Christus-Kreuz, Kreuzesinschrift INRI (Jesus von Nazareth, König der Juden), Fragmente der Dornenkrone, Erde und Nägel vom Kalvarienberg, dem Kreuzigungshügel, sowie eine Kopie des Grabtuchs. Grund genug für heutige Neugier, Verehrung und Pilgerziele. Selbst wenn die Authentizität z. T. umstritten ist und Radiokarbontests für eine mittelalterliche Datierung sprechen.


Station 5: Basilica di San Sebastiano alle Catacombe

Neben der Basilika geht's hinunter in die Katakomben von San Sebastiano. Eine komplexe unterirdische Grabanlage mit einem strukturierten Tunnelsystem auf vier Ebenen. Die Grabkammern aus heidnischer römischer Zeit nahmen ab dem 2. Jahrhundert auch Christen auf, darunter Sebastian, Offizier der Leibwache am römischen Kaiserhof. Sein frühes Bekenntnis zum Christentum setzte den harten Strafvollzug von Kaiser Diokletian in Gang. Und zwar publikumswirksam zur Abschreckung im Circo Massimo. Auf diesem dicht besetzten Schauplatz war Sebastians qualvolle Hinrichtung durch Keulenschläge ein öffentliches Gaudi. Mitleidige Christen bargen den geschundenen Leichnam und setzten ihn in der unterirdischen Grabanlage außerhalb der Stadtmauern bei. Im frühen 4. Jahrhundert wurden die Katakomben nach ihm als Märtyrer und Heiligem benannt, ebenso die dazu errichtete Basilika, die erste Pilgerkirche außerhalb der Mauern Roms.    


In der Reliquienkapelle im Kirchenraum sind Sebastians Foltergeräte ausgestellt. Die vermuteten Fußabdrücke Christi sind der Legende nach entstanden, als Petrus auf der Flucht vor Christenverfolgern Rom verlassen wollte, Jesus ihm auf der Via Appia erschien und auf seine Frage: "Quo vadis?" ("Wohin gehst du?") antwortete: "Ich gehe nach Rom, um dort noch einmal gekreuzigt zu werden." Petrus nahm diese Antwort zum Anlass, desgleichen zu tun. Sein Märtyrerende war damit besiegelt. So viel Hingabe an den Glauben, das beindruckt Pilger auch noch im Jahr 2025.

Die Sebastianskapelle beherbergt Überreste und seine liegende Statue. Der letzte Bernini, ein Marmor-Christus von 1679, empfängt Pilger am Eingang. Nach einer ausgedehnten Odyssee 2001 wieder aufgetaucht, steht die Büste jetzt nur dürftig gesichert hinter Glas.


Natürlich gibt es weiterhin stramme Wander-Pilger, die entlang der Francigena, dem mittelalterlichen Frankenweg von 2000 km Länge von England über Frankreich und die Schweiz, nach Rom finden. Doch werden auch hier Schusters Rappen streckenweise gegen Gummiabrieb auf zwei bis vier Rädern eingetauscht. Auf dem Land- oder Luftweg.


Und der Landweg nach San Sebastiano hat's in sich! An der Via Appia Antica gelegen - heute eine Verkehrsader zwischen Rom Stadt und Land -, gehört die Basilika zum längsten Freiluft-Museumsgang der Welt, mit antiken Patrizierhäusern und Mausoleen zu beiden Seiten, dazwischen auch bürgerliche Privatdomizile neueren Datums. An dieser Straße ist die Kirche ein Pilgerziel, das Geschicklichkeit verlangt.


Ich parke kurz vor dem autofreien Streckenabschnitt der Via Appia Antica und setze meinen Fuß auf Basalt. Der ist alt. Und liegt dort seit 312 v. Chr. Eine stabile Kopfsteinpflasterung auf der Transportroute zwischen Rom und Capua (150 km südlich), später 540 km weiter bis nach Brindisi im Absatz des italienischen Stiefels, dem damals wichtigsten Umschlaghafen für Waren aus dem Orient. Den Bauauftrag und Straßennamen gab Konsul Appius Claudius Caecus: Konsularstraße Via Appia.


Eine holprige Spur. Das merke ich trotz meiner luftgepolsterten Sneakers. Mit fortgesetzten Unebenheiten auf der jahrhundertelang strapazierten Pflasterung und wegen der breiten, ausgewaschenen Fugen aus Erde zwischen den Blöcken. Aber auch mit verlässlicher Stabilität durch die konisch nach unten versenkten Quader, auf einem 150 cm tiefen Fahrbahnbett. Treffliche Straßenbauer schon vor mehr als 2300 Jahren!

Pilgernd sind Menschen auf der Via Appia Antica multimobil unterwegs:

Nicht immer treten Füße weich und sicher auf wie Katzenpfoten:


Radfahrer auf dem antiken Verkehrsweg stehen aufrecht in den Pedalen und entlasten so ihr Hinterrad – und Hinterteil. Beide haben Mühe, auf dieser ruckeligen Konsularstraße Stöße abzufedern und den Kontakt mit dem Sitz bzw. Boden zu halten. Scheitern auf diesem Pilgerweg ist inklusive. Speisung auch.









Die antiken Quader - wie stepping stones auf meinem Lebensweg. Auftreten, schwanken, balancieren, wieder Fuß fassen. Und das in Sequenz. Aber mit der Gewissheit, mich auf tragfähigem Grund zu bewegen. Das Balancieren muss eh‘ jede/r selbst lernen. Auch eine Pilgererfahrung!


Station 6: Basilica di San Lorenzo Fuori le Mura

Hier lebt der Heiligenkult seit Kaiser Konstantins Regentschaft (314-324), nicht nur in Rom, auch weltweit. Laurentius war als Diakon auch Schatzmeister für das örtliche Kirchenvermögen. Kaiser Valerian (253-260), christenfeindlich und geldgierig, ließ Papst Sixtus III. und seine Gefolgschaft während einer Messe festnehmen und hinrichten. Laurentius wurde zunächst geschont, um die Kirchenschätze freizugeben. Die aber verteilte er an Gemeindemitglieder, sammelte stattdessen den "wahren Schatz der Kirche" ein - Arme, Kranke und Gebrechliche, Witwen, Waisen und Verwahrloste - und präsentierte ihn dem Kaiser. Auf glühendem Eisenrost schmorte Lorenzo zu Tode. Seitdem ist er Schutzheiliger von Gewerken, die mit Feuer zu tun haben - z.B. Köche, Bäcker, Bierbrauer. Auch bei Hexenschuss und Ischias wird er weltweit um Hilfe angerufen.


Pilger im Heiligen Jahr 2025 zollen Lorenzo in der Krypta vor dem Marmorsarg ihren Respekt.



Im Hochsommer geht es vor der Basilika durchaus weltlich und ausgelassen zu, wenn am 10. August, dem Todestag des Heiligen, in der Notte delle stelle Sternschnuppen helle Leuchtspuren durch die Nacht schicken. Pyrotechniker haben ihre Hand im Spiel:

Tiefgläubige Pilger oder Kultur-Enthusiasten?

Viele Römer integrieren ihren Glauben in den Alltag. Religion wirkt nicht aufgesetzt, wie in Kirchgängerlaune. Ähnlich habe ich Menschen aus anderen Ländern und Erdteilen erlebt. Und eben auch Kulturinteressierte gesehen. Für mich ist diese Kirchen-Tour in diesem besonderen Jahr ein Kulturgang. Ich erlebe anschaulich die christliche Hochkultur (nicht nur) der westlichen Welt.


Wer ist welcher Pilgertyp in dieser Fotoserie? Das möge jede/r für sich selbst entscheiden:


Dies ist noch nicht das Ende meiner Pilgerreise.

Alles - ich auch - läuft auf den Höhepunkt zu:

la Basilica di San Pietro in Vaticano.

Zu Weihnachten.



 
 
 

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