Hochkultur zu Füßen des Feuervulkans
- Hilda Steinkamp

- vor 1 Tag
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Pompejis Ruinen erzählen lebendige Geschichten - Teil 2

Hochentwickelte Stadtkultur


Pompei Antica ist ein strukturiertes Gemeinwesen. Das gilt für die Infrastruktur im rasterförmigen Straßennetz wie für die Verwaltung. Die geschätzten 15-20.000 Einwohner sind mehrheitlich wohlhabend, für Luxus und Kurzweil zu begeistern und voller Lebens- und Liebeslust. Die Ansiedlung auf einer Hochebene ist stark befestigt mit Stadtmauern, 8 Toren und 11 Wachtürmen. 2000 römische Veteranen erhöhen die Sicherheit. Pompeji - geschützt gegen Menschen, nicht gegen eine vulkanische Naturgewalt.

Das Foro (4. Jh. v. Chr.) und seine angrenzenden Gebäude bilden den kommunalen Mittelpunkt für Bürgertreff, Warenumschlag, Rechtsprechung und religiösen Kult.




Im Wahlbüro schreiben sich freie Männer zur jährlichen Kommunalwahl ein. Graffiti an den Hauswänden werben für Kandidaten:

In standesgemäßer Immobilie (2. Jh. v. Chr.) residiert einer der beiden gewählten leitenden Verwaltungsbeamten, eine Art Oberbürgermeister mit richterlicher Gewalt. Als kultivierter Hausherr in der Casa del Fauno (s. Bronzefigur eines tanzenden Satyrs im Vorhof) mit Kenntnis der Bildungssprache Latein empfängt er Bürger im öffentlichen Bereich, getrennt von seinen luxuriösen Privaträumen mit eigener Therme:

Pompejis Tempel stehen in der Tradition des griechischen Viel-Götter-Kults. Zeus (lt. Iuppiter, it. Giove), römischer Staatsgott, Herrscher über Himmel und Wetter, und Sohn Apollo, u.a. Gott der Weissagung, sind hochverehrt. Götterglaube bleibt in der Geschichte Pompejis spiritueller Luxus. Schutz vor der Urgewalt des Vulkans bietet er nicht.


Frühen römischen Kaisern wird eine Gottähnlichkeit abgesprochen. So ist die Kultstätte Tempio del Genio di Augusti nicht der Person des ersten Kaisers Augustus und seiner Nachfolge gewidmet, sondern deren staatsmännischem Geist:

Ähnlich säkular wird derTempio della Fortuna Augusta betitelt. Heute schätzen freilaufende Katzen die Ruinen als Jagdrevier:

Auch für Alltagsbelange sorgt die Gemeinde. Die kommerzielle Wäscherei liegt in Männerhand. Darauf deuten der Berufsname fullones (Wäscher), der Betreibername Stephanus sowie Fresken mit Waschaktionen und Zeitvertreib von Männern:


Strade, fontane, fognature
Straßen, Brunnen und Kanalisation - drei gute Gründe für die Größe und Stabilität des Römischen Imperiums. So befinden antike Geschichtsschreiber. Stimmt auch für Pompeji.
Nach Gründung um 600 v. Chr. und wechselnder Fremdherrschaft erlebt die Gemeinde ab 80 v. Chr. als römische Kolonie, am Fluss Sarno und am Golf von Neapel gelegen, ihren Aufschwung als blühende römische Handelsstadt und attraktives Summer Resort. Kaufleute und Handwerker - neben Grundbesitzern - genießen hohes gesellschaftliches Ansehen in römischer Zeit.

Pompeji profitiert vom vorbildlichen römischen Wasserbau. Unterirdische Aquädukte speisen Thermen sowie Wasserläufe in öffentlichen Einrichtungen und Privathäusern. Eine Brunnenkultur alla romana beliefert an jeder größeren Wegeskreuzung Bürgerinnen und Bürger mit Trinkwasser von bester Qualität. Einige rekonstruierte Brunnen sprudeln heute noch - für durstige Touristen im weitläufigen Stadtgebiet.
Straßenbau und Kanalisation gehören zusammen. Pompejis Straßen haben eine stabile Basaltpflasterung. Tiefe Spurrillen der Wagenräder auf den Quadern zeugen von ihrer jahrhundertelangen Belastbarkeit:
Leicht gewölbt leitet die Basaltfläche Regen- und Schmutzwasser beidseitig in die Gosse ab. Auf erhöhten Trittsteinen können Bewohner trockenen Fußes die Straße überqueren - wie über Zebrastreifen. Die kalkulierten Lücken zwischen den Schrittsteinen erlauben Rädern von Karren oder Streitwagen eine glatte Durchfahrt.

Cenere - Unter Vulkanasche

ruht Pompeji seit 79 n. Chr. Ein schweres Erdbeben zuvor (62 n. Chr.) verhallt als Warnschuss. Denn seit seinem letzten Ausbruch um 800 v. Chr. gilt der Vesuv als erloschen. Am 24. August dann sein erneuter explosiver Ausbruch am Mittag. Nach Südosten, wo die Orte Pompeji, Oplontis und Stabiae liegen, im Südwesten wird Herculaneum weniger vernichtend getroffen.
Einer kilometerhohen Eruptionssäule aus Asche und Bimsstein folgen Feuerströme und Ascheregen. Gesteinsbrocken mit 200 km/h schlagen auf die Erde. Das hält kein Dach aus. Pompejaner fliehen, andere bleiben. Nach fünf Stunden liegt eine Ascheschicht von 50 cm auf Pompejis zerstörten Häusern. Gegen Mitternacht ist die Eruptionssäule 30 km hoch, Ströme mit schwerem Material und Glutlawinen überfluten die Stadt, begraben die letzten Überlebenden. Bis zum nächsten Morgen ist Pompeji unter einer bis zu 20 m hohen Asche- und Gesteinsschicht eingesargt.
Selbst der Bericht des Augenzeugen Plinius des Jüngeren 25 Jahre nach der Naturkatastrophe verankert die Stadt nicht längerfristig im kulturellen Gedächtnis der Nachwelt. Vom Erdboden verschwunden. Vergessen.

Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts, als der Architekt Domenico Fontana beim Bau eines Kanals für den Transport von Flusswasser aus dem Sarno nach Torre Annunziata (ehemals Oplontis) auf die ersten Ruinen der versunkenen Stadt stößt.
Systematische Ausgrabungen beginnen in der Mitte des 18. Jahrhunderts und dauern aktuell an. Der Parco Archeologico di Pompeii - ein Dauerunternehmen für die Rekonstruktion einer verschütteten, aber bestens konservierten Stadtkultur, die seit 1997 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Sie zum Leben zu erwecken, ist die klare Ansage der Arbeiten und Transparente in der Ausgrabungsstätte.

Noch ruht ein Drittel der antiken Stadt unter der mit Grasnarben überzogenen Vulkanasche.
Pompejis alte und junge Tote
Vorchristliche Beisetzung erfolgt in Rom wie in Pompeji durch Brandbestattung in Mausoläen vor den Stadtmauern:


Gut 1800 Jahre nach der Verschüttung Pompejis holt der leitende Archäologe Giuseppe Fiorelli (1823-1896) die jüngsten Toten Pompejis ans Tageslicht. Mit einer speziellen Technik. Die verwesten Leichen hinterlassen Hohlräume in der erstarrten Lavamasse. Diese gießt er mit flüssigem Gips aus. Die Gipsabdrücke (calchi) zeigen Form und Körperhaltung von Pompejanern auf der Flucht vor den Lavaströmen und im Moment ihres Feuer- oder Erstickungstodes.
Mindestens 2000 Vulkanopfer soll es geben, die Hälfte ist bislang ausgegraben worden.

Der schlafende Feuerberg

bleibt gefährlich. Im 16. Jahrhundert gilt er als erloschen. 1631 folgt die stärkste Eruption seit Pompejis Untergang. 1929 und 1944 stellt er erneut seinen indo-europäischen Namen "der Brennende" unter Beweis. Pyroklastische Ströme begraben ganze Dörfer.
Seit den 1970er-Jahren versucht Neapel, die dichtbesiedelte Region vor neuen Vulkanausbrüchen zu schützen. Dem Bauverbot in der sog. "roten Zone" stehen jedoch eine hohe Wohnungsnachfrage und ökonomische Interessen der Siedlungsentwicklung entgegen. In Neapels Westen wohnen in der Trabantenstadt Pianura 60.000 Leute in illegal gebauten und wenig katastrophensicheren Häusern.
Die Magma-Kammer des Vesuvs kann wieder erwachen. Jederzeit. Noch steigen aus dem Krater nur Fumarolen hoch, Wasserdampf und vulkanische Gase, so beruhigen Vulkanologen aus dem Osservatorio Vesuviano in Neapel. Diese etwa, die ich beim steilen Aufstieg zum Kraterrand auf 1200 m Höhe entdeckt habe?

"Schaut auf diese Stadt!"
Zu Füßen der Ausgrabungsstätte liegt das moderne Pompeji mit seinen 23.000 Einwohnern.

Auf sie herab blickt eine Bronzefigur des polnischen Künstlers Igor Mitoraj. Ein machtloser athletischer Speerwerfer ohne Hand und Fuß. Eingebaut in Lende und Schulter zwei Kopfabgüsse wie aus Fiorellis Gipsgalerie. Mitorajs Markenzeichen. Und sein hilfloser Appell: "Schaut auf diese Stadt!" Ein Tanz am Rande des Vulkans.
Das wiedererwachende Pompeji -
noch so viel zu sehen.
Ich muss da nochmal hin ...









































































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