Acqua - Roms Lebenssaft
- Hilda Steinkamp

- vor 4 Tagen
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Aktualisiert: vor 3 Tagen
Unterwegs im römischen Wassernetzwerk - Teil 1

Roms Lebensspender
Roma e acqua - eine ewige Allianz seit antiken Zeiten. Wasser sprudelt überall. Wie ein riesiges Aderwerk von Venen und Arterien durchflutet Wasser den Körper der Kommune. Kein Stadtteil, keine Vorstadtzone, keine Allee, keine Straße, keine Gasse, kein Weg, kein Winkel, kein Platz, kein Park, kein nobles Privathaus, kein öffentliches Gebäude ohne einen schnell erreichbaren Wasserspender: Monumentalbrunnen (mostre fontane) und Zierbrunnen (fontane) ebenso wie (s. Teil 2) funktionale Trinkbrunnen (fontanelle, nasoni) und deren moderne Evolution, die Wasserhäuser (casette dell'acqua). Sie alle erzählen ein Stück römischer Stadtgeschichte.
Fließendes Wasser war ein Zeichen von Hochkultur und Luxus seit dem ersten Aquädukt 312 v. Chr. Ein hochentwickeltes Wasserleitungs- und Abwassersystem ermöglichte eine hohe Lebensqualität. Die Brunnenarchitektur war neben ihrer Nützlichkeit Machtsymbolik.
Monumentalbrunnen
La Mostra Paola auf Gianicolo, dem höchsten Hügel Roms, heißt so nach ihrem Auftraggeber Papst Paul VI. Fontanone nennt der römische Volksmund den gigantischen Brunnenbau. Von der Piazza Gianicolo aus öffnet sich ein unvergleichlicher Panoramablick auf die Stadt mit ihrer Skyline aus einer über 2300-jährigen Geschichte:
Auch wenn der barocke Brunnen (1612) viel jünger ist als der antike Aquädukt, Aqua Traiana (109 n. Chr.), an dessen Ende er steht, nutzt er doch dieselbe Quelle, die schon die antiken Römer anzapften. Wasser aus dem umliegenden Hügelland wurde über 60 km und mehr mit Wasserrohren unterirdisch oder über Bogenbrücken ins städtische Reservoir geleitet und von dort über Druckleitungen auf die 7 Hügel Roms. Eine imposante Ingenieursleistung in gar nicht so grauer Vorzeit!
Aus Monumentalbrunnen sprudelt Brauchwasser, kein Trinkwasser. Am Brunnenrand rasten Menschen, die ihren ästhetischen Durst stillen oder ihre müden Füße entspannen wollen. Ein erquickendes Fuß- wie Teil- oder Ganzkörperbad in diesem wie in anderen italienischen Brunnen wird mit einer satten Ordnungsstrafe der umsichtigen polizia locale quittiert. 160 Euro kann solch ein Badespaß kosten, an heißen Tagen steigen Bußgelder drastisch an.
Das legendäre Bad der Schwedin Anita Ekberg mit ihrem Film-Lover Marcello Mastroiani im Trevi-Brunnen während der Dreharbeiten zu La Dolce Vita (1960) führte nur damals zu Weltruhm.
La Fontana di Trevi wird vom Acquedotto Vergine (19 v. Chr.) beflutet, dem einzigen antiken Aquädukt, der bis heute dauerhaft intakt und in Betrieb ist. Auch ein schlichteres Modell wie der Themenbrunnen Fontana della Barcaccia (1629) in der Piazza di Spagna wird aus dieser Quelle versorgt, zusammen mit 70 anderen im Stadtgebiet. Die flache Barke war ein übliches Transportmittel für Wein- und Ölfässer auf dem Tiber. Papst Urbano VIII. Barberini gab den Bootsbrunnen als dekoratives Mahnmal in Auftrag. Beim Wasserhochstand des Tibers 1598 waren Boote bis an diese Stelle zu Füßen der Spanischen Treppe geschwemmt worden:

Als Wunschbrunnen zieht die Fontana di Trevi jährlich Massen an. Eine Münze zählt nicht viel für den Einzelnen – materiell. Die jährliche Wurfsammlung von etwa 33 Tonnen bringt der Stadt rund 1,5 Mio. Euro ein. Die Münzen, die 35 Mio. Touristen im Jahresdurchschnitt werfend spenden, werden täglich von behördlichen Sammlern aus dem Brunnen gefischt. Für Suppenküchen und andere wohltätige Zwecke. Symbolisch schon gewichtig, solch ein Wurf über den Rücken. Blind und zugleich offen für die Zukunft sein. Fürs Wiederkommen. Schon im Heiligen Jahr 2025 wurden Besucherströme kanalisiert, bei begrenzter Verweildauer am Brunnenrand. Ab Januar 2026 nimmt Rom 2 Euro Eintritt von Münzwerfern. Einheimische kommen kostenlos ans Becken. Fremde zahlen den Obolus gern. Der Ansturm bleibt:

Zierbrunnen
Auch bei diesen barocken Neuschöpfungen rangiert Schönheit vor Nützlichkeit. Nichts für die durstige Kehle, aber viel fürs Auge des Betrachters. Kunst und soziale Funktion fließen hier zusammen. Wiederum waren es päpstliche und aristokratische Sponsoren, die das Stadtbild verschönern wollten. So finden sich die prächtigsten Exemplare im Vatikan und auf öffentlichen Plätzen vor Kirchen, noblen palazzi (Wohnhäusern) und Regierungsgebäuden.
Fontane in Piazza (1) di San Pietro, (2) di Santa Maria Maggiore, (3) del Viminale (Sitz des Innenministeriums auf einem der sieben Hügel Roms), (4) del Quirinale (Amtssitz des Staatspräsidenten auf einem weiteren Hügel), (5-6) del Campidoglio (Sitz des Bürgermeisters auf dem Kapitolshügel).
Stadtplaner und Bildhauer Gian Lorenzo Bernini
(1598-1680) hat wie kein anderer Künstler das Stadtbild ästhetisiert. Seine Marmorstatuen zieren öffentliche Plätze ebenso wie weltliche Gebäude und Kirchen. Seine Stadtbrunnen gehören zu den schönsten Roms.

Auch Bernini hatte päpstliche Auftraggeber, wie Urban VIII. Barberini. Durchaus mit Eigennutz. Der Bildhauer sollte die Piazza Barberini vor dem neuen palazzo der wohlhabenden päpstlichen Familie aus der Toscana standesgemäß mit einem repräsentativen Brunnen gestalten. Die imposante Fontana del Tritone (1642) verlieh dem bis dahin mit Weinfeldern und Gartenvillen ländlich geprägten Stadtviertel einen stilvollen urbanen Charakter. Mit dem singenden Meeresgott, einem Mischwesen aus Mensch und Fisch, verkörpert Bernini nicht nur eine Kunstgestalt der griechischen Mythologie, sondern verbreitet mit dessen Gesang auch den Ruhm der Papstfamilie. Die drei Barberini-Bienen aus dem Familienwappen stehen für Fleiß, Sparsamkeit, Wehrhaftigkeit und Süße (Milde) - ebenso passend zur mächtigen und frommen Familie wie Kirche.
Ähnlich erhielt die abzweigende Via Vittorio Veneto - lange vor ihrem Ruf in den 1950er-/1960er-Jahren alsmondäner Hotspot der rich and famous - mit Berninis Marmorskulpturen ein kulturelles Uplift. Der Künstler dachte bei der Fontana delle Api (1644) zunächst an eine nützliche Pferdetränke. Im Sinne seiner Geldgeber integrierte er dann in die Muscheltränke die Wappentiere der Familie (Bienen - api) und trug so zu einer weiteren Hommage an den einflussreichen Barberini-Clan bei. Und natürlich ließ sich der päpstliche Sponsor in der Muschelinschrift verewigen.

Berninis Fontana dei Quattro Fiumi (1648-51) auf der Piazza Navona gilt als das Meisterwerk des Künstlers und des Barock, als der schönste Brunnen Roms - und der Welt, sagt man. Auftraggeber war der nächste Papst, Innozenz X. Die piazza sollte zur gesellschaftlichen Bühne für seine einflussreiche Adelsfamilie Pamphilj mit dortigem Wohnsitz gestaltet werden.

Die Flussgötter im Vier-Ströme-Brunnen stellen vier Flüsse der damals bekannten Kontinente dar: Donau (Europa), Ganges (Asien), Nil (Afrika) und Rio de la Plata (Amerika), erkennbar an den landestypischen Pflanzen. An der Spitze des ägyptischen Obeslisken verkörpert eine Taube, das Wappenzeichen der Pamphilj, den Anspruch päpstlicher Macht über den gesamten Erdball.
Oft unbeeindruckt von dieser Herrschaftssymbolik lassen sich Menschen rund um den Brunnen auf Kommunikation, Kulinarik und Straßenkunst ein. Die gesellige Funktion der antiken Brunnenkultur für das popolo romano lebt fort.


Götter des Wassers und ihre Gespielinnen
Das vorchristliche Rom übernahm die Viel-Götter-Religion der Griechen. Gottheiten mit den Zuständigkeiten für Wasser und Wehrhaftigkeit fanden in Roms Brunnenkultur bildliche Gestalt - Wertschätzung und Schutz des Wassers als Ursprung und Elexier des Lebens.
So liegen der soldatischen Göttin Roms in der Fontana della Dea Roma (1823) auf der Piazza del Popolo zwei Statuen schutzsuchend zu Füßen, die die beiden Lebensspender Roms, die Flüsse Tiber und Aniene, darstellen. Zwischen ihnen erinnert der Sage nach die Wölfin an die lebenserhaltene Kraft des Tiberwassers für die ausgesetzten Zwillinge Romulus und Remus.
Der nützliche Brunnen am Obelisken dient dagegen eher der Abkühlung im hitzigen Sommer:

Die Symbolik der Zierbrunnen Fontane Tirreno e Adriatico am Vittoriano, dem Prunkbau für den ersten König Italiens, Vittorio Emanuele II., huldigt den beiden Meeren, die Italiens Stiefel umspülen:
Auf der Piazza Bernardo beherbergt die kolossale Fontana del Mosè in ihren Nischen Skulpturen aus der biblischen Wasser-Mythologie: in der Mitte Moses, der das Rote Meer teilt, um den Israeliten den Auszug aus Ägypten zu ermöglichen, und Wasser aus einem Felsen schlägt, um sein durstiges Volk in der Wüste zu retten.
In der Fontana delle Naiadi (Nymphenbrunnen, 1901) auf der Piazza della Repubblica verteidigen vier Nymphen lebenswichtige Wasserquellen - Flüsse, Seen, Meere, Grundwasser - gegen feindliche Wasserwesen. Der Aufschrei im puritanischen Königreich beim Anblick der sinnlichen Posen nackter Frauenkörper verhallte letztlich, als 10 Jahre später eine ebenso splitternackte, athletisch modellierte, aber männliche Statue sich mitten unter die Nymphenriege mischte. Glauko, Neptuns Sohn, wurde protestlos aufgenommen.

Am 23.01.2026 versprühen Skulpturen und Fontänen Lebensfreude zum traurigen Anlass: Modeschöpfer Valentino Garavani (93) wird in der Basilica S. Maria degli Angeli e dei Martiri von Familie, Weggefährten und Stars verabschiedet und rund um den Brunnen von seinen Fans gefeiert.

Ehrenapplaus der Menge, darunter Sophia Loren (91), lebenslange Kundin und Freundin des Couturiers, Donatella Versace (70), Chefdesignerin aus dem Mailänder Modehaus, und Alessandro Michele, Valentinos Kreativdirektor. Salut der Polizei und Kaiserwetter bei 20° Sonne zum Abschied vom letzten imperatore della moda.
Valentino und die Nymphenmodels. Weibliche Schönheit zu schätzen und mit seinen modischen Roben elegant bis raffiniert zu umhüllen war seine Lebensaufgabe.




































































































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