Wasser galore seit 2300 Jahren
- Hilda Steinkamp

- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Unterwegs im römischen Wassernetzwerk - Teil 2

Acquedotti - Wasser-Leitungen im Ewigen Rom
Rom pflegt sein kulturelles Erbe. Drei der 11 acquedotti - der älteste aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. - sind restauriert noch in Betrieb, speisen aber nur noch die großen Brunnenanlagen.
Die moderne Wasserversorgung durch ACEA (Azienda Comunale Energia e Ambiente) erfolgt seit dem frühen 20. Jahrhundert durch neuzeitliche Leitungsnetze, setzt jedoch die antike Ingenieurskunst mit neuen Techniken und Materialien fort. Bis Januar 2026 müssen aus Gesundheitsgründen die verbliebenen alten Bleileitungen durch Edelstahl, Kupfer oder Kunststoffe ersetzt werden. In die römischen Wasserhähne gelangt Wasser, das höchsten internationalen Qualitätsstandards entspricht. Leitungswasser ist trinkbar in Rom.
Im Deutschen assoziieren wir mit acquedotto Aquäduktbögen. Das lateinische Wort stand jedoch für jede Art von Wasser-Leitung. 85% der Rohre verliefen im antiken Rom unterirdisch, Luftleitungen überbrückten in mehrstöckigen Bauten Täler und Senken.
Heute sind Bogenbrücken von 7 antiken Aquädukten als Denkmäler im offenen Parco degli Acquedotti zu bestaunen:


Innerstädtisch bieten altrömische Aquädukte eine imposante Kulisse für moderne Events, wie etwa 2025 für einen Hippie-Kunstmarkt unter den Mauerbögen des Acquedotto Felice:


Hier traf ich die Künstlerin Mariagiulia Colace, die Heiteres in Roms Antikpark zaubert:

Das römische Wassernetzwerk
entstand und wuchs mit der wachsenden Bevölkerung. Als das Wasser aus Tiber und Grundwasserbrunnen nicht mehr reichte, ließ Appius Claudius Caecus, Staatsmann in der Römischen Republik, 321 v. Chr. die erste Wasserleitung in seinem Namen bauen: die Aqua Appia, die Wasser aus dem umliegenden Hügelland in die Stadt leitete.
Rom war damals mit ca. 100.000 Einwohnern eine Großstadt. Doch erst mit der Kaiserzeit wurde Rom im 2./3. Jahrhundert n. Chr. als Zentrum eines riesigen Imperiums zur Millionenstadt, versorgt von 11 Aquädukten. Mit 11 Thermen, ca. 1000 öffentlichen wie privaten Bädern, unzähligen Latrinen und 1352 Brunnen war Rom ein Wasserparadies. Selbst für schlichtere private Haushalte, die sich den Luxus eines eigenen Brunnens nicht leisten konnten. Sie konnten ihr Wasser aus maximal 80 m entfernten Brunnen schöpfen. Kostenlos und frei Haus sozusagen.
Der Pro-Kopf-Verbrauch in Rom um 400 n. Chr. lag bei 370-460 L/Tag. Deutsche kommen aktuell auf 128 Liter pro Tag und Person. Das heutige Rom hat mit 2,7 Millionen Einwohnern den doppelten Wasserbedarf wie Berlin mit seinen 3,9 Millionen.
Roms Wasseringenieurskunst lebt wieder auf
Mit dem Niedergang des Weströmischen Reiches im 5. Jahrhundert legten Bevölkerungsrückgang, mangelnde Instandhaltung und Zerstörung Roms geniales Leitungssystem lahm. Das Ingenieurswissen über Wasserversogung ging weitgehend verloren. Erst nach dem Mittelalter kümmerten sich Päpste wieder um Stadtentwicklung und Bevölkerungswohl. Sie ließen die antiken Wasseradern auf eigene Kosten zu neuem Leben erwecken - und mit ihrem Pontifex-Namen für ewigen Ruhm umbenennen. So wurde aus der Aqua Traiana zum Beispiel die Acqua Paola (nach Papst Paul V. Borghese).
Nach der Gründung des italienischen Nationalstaates 1861 wurde Rom 1870 Hauptstadt. Die Stadtentwicklung boomte erneut. Für den wachsenden Trinkwasserbedarf sorgten restaurierte alte sowie neue Leitungen und zahlreiche kleine öffentliche Springbrunnen, fontanelle, die funktional gestaltet und mit archäologischen Artefakten dekoriert wurden. Das ersetzte den bildenden Künstler und dämpfte die Kosten.
Moderne urbane Durstlöscher: nasoni e casette dell'acqua

Die industrielle Revolution machte Massenproduktion möglich. In Serie entstanden im auslaufenden 19. Jahrhundert neue öffentliche Trinkbrunnen, sog. nasoni (große Nasen), gusseiserne Trinksäulen mit einem gebogenen Metallauslauf: zylindrisch, praktisch, gut. Labsal für Mensch und Tier.

Nasoni gibt es inzwischen mehr als 2800 im weiteren römischen Stadtgebiet bis nach Ostia. Das Versorgungsunternehmen ACEA bietet Orientierung in seiner App Acquea: Standortwahl, Positionskarte, Navigationshilfe, Angaben zur Wasserqualität, auch persönliche Wasserbedarfsberechnung nach Größe und Gewicht, Wasserwahl zwischen still und sprudelnd in den Wasserhäusern:
Wasser aus Roms nasoni e casette dell'acqua ist von bester Trinkqualität. Dehydrierte Rom-Entdecker können hier kostenfrei auftanken. Das schont Geldbeutel und Umwelt. Nebenbei laden am Wasserkiosk auch Handy-Akkus auf, allerdings nicht für jeden Smartphonetyp:
Nicht immer ist die App zielführend. Gerade an historischen Hotspots wie dem Collosseo fällt schon mal ein Wasserhäuschen aus - einfach leergetrunken.

Und ausgediente nasoni bleiben zwar in der App als aktive Wasserspender, im urbanen Umfeld aber als moderne Reliquien stehen. Wie auch die Retro-Telefonkabinen. Dann eben mit der Nase nach nasoni suchen!

Dennoch - trotz der stadtweit hohen Qualität von Trinkwasser aus der Leitung bleiben romani Spitzenreiter im Verbrauch von Wasser aus Flaschen. Ohne Pfand-Politik der Supermärkte landet Flaschenplastik oft unsortiert im Müll

Im Restaurant gehören Wein und Wasser in Flaschen serviert weiterhin zur gehobenen Speisekultur. Eine Bitte um kostenloses Leitungswasser, wie in GB und USA üblich, gilt immer noch als barbarische Kulinarik im Land der buongustai (Feinschmecker).
In modernisierten Restaurant-Latrinen treffe ich immer wieder auf sympathische Retro-Assessoirs am Handwaschbecken: Fußpedal und Ausguss-Schnabel.
Gusseiserne Gullys und Kanaldeckel tragen seit dem frühen 20. Jahrhundert das Hoheitszeichen der Römischen Republik: S.P.Q.R - Senat und Volk von Rom. Die Wasserwirtschaft mit Zuleitung und Abwassersystem ist immer noch der Stolz des römischen Gemeinwesens.
Acquedotti, strade, fognature (Kanalisation) -
diese drei Faktoren galten schon frühen Geschichtsschreibern
als Formel für den Erfolg des Römischen Reichs.
Scheint eine never-ending success story
zu sein ...
a Rome Eterna





































































Kommentare