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Roms antike Sommerfrische im Golf von Neapel

  • Autorenbild: Hilda Steinkamp
    Hilda Steinkamp
  • vor 6 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Pompejis Ruinen erzählen lebendige Geschichten - Teil 1

Il Vesuvio e il Foro di Pompeii (c) AdobeStock 255913529
Il Vesuvio e il Foro di Pompeii (c) AdobeStock 255913529
Auf in die Sommerfrische!

Die Sommer in Rom sind heiß, schon in der Römischen Republik und in der Kaiserzeit. In der schwülen Sommerhitze sind die Tibersümpfe ein Pfuhl an Krankheitskeimen, ihre Trockenlegung ein Jahrtausende währendes erfolgloses Unterfangen. Cäsaren, Kaisern und Päpsten mangelt es an technischem Knowhow, erst Mussolinis Faschisten werden Herren der Sümpfe.

Golfo di Napoli
Golfo di Napoli

Wer sich's leisten kann, flieht aus der Stadt in die Sommerfrische. Pompeji, etwa 250 km südlich auf den kühlen Hängen der Abruzzen gelegen, mit der Nähe zu den erfrischenden Wellen des Mittelmeers ist solch ein Rückzugsort für die römische Elite. Die Hänge des Vesuvs locken zudem mit gutem Wein und guter Luft.


Die antike Römerstraße Via Appia Antica verspricht seit 312 v. Chr. eine schnelle Ankunft ins südliche Sommerquartier.


Heute ist die A1, Autostrada del Sol, die Hauptverkehrsader zwischen Rom, Neapel und Pompeji, nicht direkt auf der alten Trasse, etwas weiter landeinwärts.

Entlang der Schneekuppen in den Abruzzen im Januar
Entlang der Schneekuppen in den Abruzzen im Januar
Sex, Drugs and Rock'n'Roll

aus der ausschweifenden Rockmusikszene der 1970er-Jahre wäre ein anachronistisches Motto für den hedonistischen Lifestyle im antiken Pompeji. Vino, donna e canto trifft den damaligen Zeitgeist irdischer Genüsse schon eher. Bacco, tabacco e Venere - ein ähnliches Vergnügungs-Idiom. Obwohl - der Tabak kam ja erst nach der Entdeckung Amerikas im späten 15. Jahrhundert nach Europa. Aber getrocknete Kräuter und Opium werden schon im antiken Rom und Pompeji konsumiert. Für den Genuss und die Gesundheit.


Die archäologische Superleistung der letzten drei Jahrhunderte hat aus dem versunkenen Pompeji für uns Heutige Erstaunliches ans Tageslicht gebracht: architektonische Spuren eines genüsslichen, leichten Lebensstils (Teil 1 meines Tour-Berichts) ebenso wie Zeugnisse einer hochentwickelten Zivilisation (Teil 2).


Es gibt viel zu sehen in der Ruinenstadt unter der klaren Januarsonne 2026. Eine kurze Verschnaufpause noch auf einem Jahrtausende alten Mauerrest. Es sollen 15.000 gesunde Schritte werden auf meiner Exkursion über fünf bildgewaltige Erlebnisstunden. Noch dazu balancierend über unwegsame Basaltquader.

Bacco e tabacco - Wirtsstuben und Geschäfte

Genuss im alten Pompeji fängt beim Essen außer Haus an. Tagsüber schon. Aus Bequemlichkeit und wegen der neuesten Stadtnachrichten. Nur wenige case haben eine cucina. Gute und günstige Alternativen bietet ein termopolio mit warmem Essen und kühlen Getränken inkl. Wein, so eine Art Hybrid-Lokal, eine Mischung aus der heutigen italienischen bar für caffé, cornetti e vino und dem Schnellimbiss tavola calda. Hier gibt es street food vom Feinsten, frisch zubereitet aus lokalen Anbauprodukten. Fast food wäre eine kulinarische Herabsetzung.

Eingelassen in den Verkaufstresen sind runde Vertiefungen, die das Speisenangebot warmhalten. Dazu eine werbewirksame Architektur, die offen ist zur Straßenseite und in der Wandmalerei die Speisenkarte offeriert: Ente, Hühnchen, Wildschwein. Hunde müssen an die Leine. Sogar eine Münzkasse mit den letzten Tageseinnahmen kommt intakt bei Ausgrabungen zum Vorschein.


Ebenso bleibt eine Bäckerei mit Mühlstein und Backofen unversehrt unter der Vulkanasche erhalten, darin verbrannte runde Fladenbrote vom Tage des Vulkanausbruchs.


Zusammen mit einer Vielzahl anderer Lädchen (tabernae) säumen Esslokale die Via dell'Abbondanza, die Straße des Überflusses, so benannt von Archäologen wegen des reichen Warenangebots auf der Hauptstraße.


Essen geht auch stilvoller: Dinieren in privaten wie öffentlichen Gasthäusern, im sala triclinare, einem Gastraum mit bequemen Marmorliegen in Dreier-Formation fürs stundenlange Gelage und Geplaudere. Die Blicke der Gourmets fallen auf einen innenliegenden Garten mit üppigem Pflanzenwuchs, dekorativen Statuen, plätschernden Brunnen und schattigen Säulengängen. Das ganze gartenarchitektonische Ensemble eines noblen domus romanus, das sich wohlhabende Ortsansässige wie Sommerfrischler aus Rom leisten können.


Giulia Felice besitzt eine solche Luxusimmobilie und kauffrauliches Geschick. In ihrer casa betreibt sie bereits 50 v. Chr. ein lukratives Geschäft mit Hotellerie, Gastronomie und Badebetrieb für die anspruchsvolle Sommerkundschaft.



Venere - sinnliche und geistreiche Freuden

Das hedonistische Pompeji spielt sich vor allem zwischen Bordellen und Thermen ab.

Etablissements für käufliche Liebe gibt es reichlich in Pompeji. Den Weg dorthin weisen öffentliche rote Pfeile an den Hauswänden. Der Stil der Freudenhäuser schwankt zwischen derb und edel. Die stadtweite Verbreitung von erotischen Fresken zeugt von offen ausgelebter Liebeslust.


Im Zuge der Ausgrabungen wurde explizite Eroswandmalerei bis in die 1970er-Jahre dem Publikum vorenthalten.


Die Billigabsteigen sind als lupanara bekannt. Hier gibt wohl die Wölfin (lupa) ihren suggestiven Namen für die reißerische Anmache der Prostituierten, meist Sklavinnen aus Griechenland und den Ostgebieten des Römischen Reichs. Gunstgewerblerinnen sind in kleinen Zellen auf Steinbetten emsig. Vorhänge statt Türen verschaffen eine minimale Privatsphäre. Fresken mit fantasievollen sexuellen Stellungen präsentieren das erotische Menü für  Hetero-, Homo- und Gruppensex. Visuelle Medienwelt schon damals! Eine einzelne Latrine für ein Dutzend Sexarbeiterinnen und ihre rege Kundschaft muss reichen. Mancher Freier hinterlässt Graffiti an den Wänden mit dem Grad seiner Zufriedenheit und Preisangaben. Auch in Schänken wird Intimes in spartanischen Separees vermutet. Bordelle gibt es zu der Zeit im Stadtgebiet an die zwei Dutzend, so häufig wie heute italiensiche Bars in einer Kleinstadt.


Außerhäusliche Liebe wird in Pompeji auch stilvoller ausgelebt. Archäologen schließen aus Freskenfunden auf eine Eros-Kultur in gehobenem Ambiente. So etwa im Casa di Venere in Conchiglia, der Venus in der Muschel. Lange bevor Botticelli Jahrhunderte später die römische Liebesgöttin malen wird, schmückt sie schon einen Säulengang in Pompeji:


Ähnliche erotische Fresken deuten auch in der Casa di D. Octavius Quartio, deren Hausherr namentlich über eine Bronzeinschrift im Atrium identifiziert ist, auf einen sinnlich betonten Lebensstil:



Die zweigeschossige Casa degli Amanti wird so genannt nach einer lateinischen Inschrift an der Wand: "Liebende führen ein honigsüßes Leben wie Bienen":


Teatri, terme e palestre

Dass der Geist sich nur in einem gesunden Körper regt (mens sana in corpore sano), ist auch der Bevölkerung in Pompeji eine selbstverständliche Weisheit. Fitnessstudios locken vor allem die Jünglinge:


Die Terme Stabiane (2. Jh. v. Chr.) liegen im Herzen der Stadt. Sie bieten Saunaspaß, Badevergnügen, mit getrennten Räumlichkeiten für beide Geschlechter und sportliches Training nur für Männer. Das schwache Geschlecht kultiviert seine natürliche bella figura. Dank der römischen Wasseringenieurskunst sind Wände und Böden beheizbar:


Schauspiel gibt es im Teatro Grande (2. Jh. v. Chr.):

Mit höherem Vergnügungsanteil punktet das Amphitheater mit seinen spektakülären Shows wie Wagenrennen und Galdiatorenkämpfen:


Weitere Kulturstätten basieren auf Vermutungen, die die Freskenmotive nahelegen. Die Casa del Poeta tragico heißt so wegen einer Szene aus Homers Ilias, einem Bühnenepos und beliebten Gesprächsthema in literarischen Salons. So kostbar ist der gut erhaltenene Freskenfund, dass er im Museo Archeologico Nazionale (MAN) in Napoli aufbewahrt wird:


Das antike Pompeji -

eine urbane Hochkultur mit einer Besiedlungsgeschichte,

die zurück ins 6. Jahrhundert v. Chr. führt.

La dolce vita pompeiana dauert bis zum Schicksalstag

am 24. August 79 n. Chr.,

als vulkanische Urgewalt

der Zivilisation ein jähes Ende setzt.


Mehr dazu demnächst

in Teil 2

meiner Pompeji-Tour!


 
 
 

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