Charisma aus Kleiderkammer und Maleratelier

Valentinos Haute Couture im Dialog mit Ewa Juszkiewicz' Porträts

Raus aus der Kleiderkammer und frisch von der Malerstaffel
Diese beiden Designs aus Stoff und auf Leinwand liefern das Motto der aktuellen Ausstellung AURA in PM23, dem Kulturraum der Fondazione Valentino Garavani e Giancarlo Giametti auf der Piazza Mignanelli, nach VENUS die zweite Show in diesem Jahr.
Von den Exponaten soll eine besondere Ausstrahlung ausgehen, eine AURA, und Besucher charismatisch in ihren Bann ziehen. Vediamo! Mal sehen!
Valentinos Abendkleid in Rot aus der Herbst/Winter-Saison 2007/08 mit drapierten Ärmeln und Bustier erinnert an Palmblätter und lenkt den Blick auf ein Frauenporträt von Ewa Juszkiewicz (*1984) in der gleichen Robe. Das Bild hat die polnische Malerin eigens für diese Ausstellung entworfen. Dabei sind ihr Portrait in Valentino Red (2026) wie auch ihrer weiteren 25 Ölgemälde sicher auch eine Hommage an den letzten Modekaiser Italiens (1932-2026), keineswegs aber eine bloße Illustration für seine 38 Haute-Couture-Modelle im Kulturraum PM23.
Eine symbiotische Ausstellung von Kleiderkunst und Malerei. Die Malerin hat selbst farblich passende Kleider aus Valentinos Archiv zu ihren Exponaten ausgewählt.
Das Thema Mode in komplementärer medialer Gestaltung? Könnte man meinen. Dafür sprechen die augenfälligen Gemeinsamkeiten der Formen, Motive, Farben in beiden künstlerischen Kosmen.
Und die künstlerischen Absichten? Bilder femininer Schönheit im Wandel? Valentino trieb das Schaffen neuer schöner Stoffskulpturen an. Auch Juszkiewicz malt edle Roben als Hülle weiblicher Schönheit. Hier hören die Gemeinsamkeiten schon auf.
Feminine Schönheit und sozialer Stand

Valentino hat mit den Modellen seiner Haute Couture Elite-Frauen aus Adelshäusern, Jet Set und der Filmbranche eingekleidet. Wer Valentino trägt, schmückt sich mit der Realität - oder Illusion - eines hohen gesellschaftlichen Ansehens. Sein Fashion Design veränderte sich mit den Jahrzehnten und ist zugleich zeitlos gültig als Modemarke. Der jüngst publizierte Bildband über Valentinos 50-jähriges Modeimperium gibt illustre Kunde davon.
Ganz anders wirkt Juszkiewicz' Modemalerei auf mich.
Sie stellt in ihren Porträts Frauen gesichtslos dar, ihre Köpfe kunstvoll mit Stoffen, botanischen Elementen oder Haargebilden verhüllt. Diese Frauenbildnisse repräsentieren einen generischen Frauentypus. Eine schöne Hülle, die erst noch mit Persönlichkeit ausgestattet werden muss. Identität resultiert für sie offensichtlich nicht aus einer noblen, aussagekräftigen Robe, die einen hohen gesellschaftlichen Stand der Trägerin suggeriert. "Kleider machen Leute" - dieses geflügelte Wort nach dem Titel einer Novelle von Gottfried Keller (1874) - gilt bei Ewa Juszkiewicz nicht mehr.
Kreative Freiheit im Frauenbildnis
Ausgangspunkt für viele ihrer Gemälde ist für Ewa die Porträtmalerei des 17. bis 19. Jahrhunderts. Das war Auftragsmalerei für Adel, Klerus und wohlhabendes Bürgertum. Ziel war Standesrepräsentation. Die naturgetreue Darstellung von Anmut und Schönheit einer noblen Frau in edler, lässiger Eleganz und im Kontext eines gehobenen Lebensstils - Bücher, Instrumente, Rassehunde, klassische Wohnarchitektur, bukolische Landschaft - sollte Status, Wohlstand und Bildung vermitteln.
Ewa Juszkiewicz hat diese Art der Porträtmalerei kräftig revolutioniert. Ihre surrealistisch anmutenden Frauenporträts demontieren traditionelle Rollenbilder. Edle Gewänder machen aus einer Frau noch keine Persönlichkeit. Eher gesichtslose Statussymbole in einer überholten patriarchalischen Gesellschaft.
Zu einigen ihrer Porträts mit Verweis auf die historische Vorlage im Untertitel, z.B. "After Thomas Sully", habe ich die entsprechenden Originale aufgespürt. Historische Referenzen lähmen Ewas kreative Energien nicht. Ihre Porträts wirken auf mich wie Neuschöpfungen aus Altbewährtem. Metamorphosen. Feminine Schönheit ist mehr als eine Figur in exklusiver Robe.
Meine LeserInnen mögen selbst entscheiden, worin jeweils die Differenzqualität in Ewas Entwürfen liegt. Die gute Nachricht: Es gibt keine "einzige" Deutung.
Ewa Juszkiewicz, "The Harpist" (2023)
Thomas Sully, "Lady with a Harp: Eliza Ridgely" (1818)Ewa Juszkiewicz, "Girl in Blue" (2013)
Johannes Cornelisz Verspronck, "Portrait of a Girl in Blue" (1641)Ewa Juszkiewicz, "In a Shady Valley, Near a Running Water" (2023)
François Gérard, "Portrait of Katarzyna Jaworska, Countess" (1803/04)Ewa Juszkiewicz, "Untitled" (2020)
Jan Adam Kruseman, "Porträt of Alida Christina Assink" (1833)Mode, Malerei und Menschen
Die Aufmerksamkeit der Besucher gilt mal dem Modekaiser, mal dem jungen Malertalent und immer wieder dem Dialog zwischen hoher Schneider- und Porträtkunst.


Der Kleiderstil des Publikums variiert von stylish bis casual:
Bei allem Glanz der Farben und Prunk der Stoffe und Materialien
sind auch Vanitas-Motive versteckt zu sehen: frische Blätter, sprießende Knospen, reife Früchte, trockene Gräser und fallendes Laub.

Ein bisschen gedämpft vom memento mori, aber erfüllt von einem charismatischen Bilderreigen atme ich kurz durch auf der bekannten Treppe der Fondazione. Meine germanisch-gedämpften Herbstfarben sind hier Camouflage.
Glanzlichter
erlebe ich auch auf der Piazza Mignanelli, als ich in den frühen Abend hinausgehe.

"Selva" nennt der Künstler Edoardo Tresoldi seine Kreation, einen "Wald" aus 16 Metallnetz-Säulen, die mit ihren 6 Metern Höhe Lichtspiele in den römischen Abendhimmel schicken.
Ein Sonntag der ästhetischen Superlative.
Roms Piazza Mignanelli ein offenes Museum.

Valentinos Modeimperium wird fortgeführt, die Schaufenster seiner Bottega auf der Piazza füllen sich mit Modellen für den Herbst-Winter 2026/27, auch in Valentino-Rot.
Ewa Juszkiewicz - mit Renommee in Europa, den USA und Hongkong - erzielt für ihre Bilder inzwischen hohe Summen, in der Spitze auch $ 1,5 Mio., mit denen sie u.a. das POLIN Museum of the History of Polish Jews in Warschau unterstützt.
Ausstellung AURA in PM23 vom 18.10.2026 bis 21.02.2027



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