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Valentino und Vasconcelos - Kunst und Kleider im Dialog

  • Autorenbild: Hilda Steinkamp
    Hilda Steinkamp
  • vor 5 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit
VENUS - Valentino Garavani mit den Augen von Joanna Vasconcelos
VENUS - Valentino Garavani mit den Augen von Joanna Vasconcelos

Valentino (93) ist tot. Lang lebe Valentino! Der letzte italienische Mode-Kaiser. Festlich zu Grabe getragen in Rom am 23.01.2026, unter hoher Anteilnahme von Polizei und Politik, Prominenz und Population.

Trauerfeier für Valentino Garavani in der römischen Basilica S. Maria degli Angeli e dei Martiri
Trauerfeier für Valentino Garavani in der römischen Basilica S. Maria degli Angeli e dei Martiri

Und gleich zurück im Leben mit einem bildstarken Gemeinschaftsprojekt!


Einen Tag vor seinem Tod öffnete am 18.01.2026 die Ausstellung VENUS in den Valentino Headquarters, in Piazza Mignanelli, PM23. Welch würdevoller Abschied!


Seit Mai 2025 lädt die Fondazione Valentino Garavani e Giancarlo Giammetti ein breites Publikum für kleines Geld in ihre Ausstellungsräume ein. Nur einen Sprung weit weg von Roms bekannter Piazza di Spagna mit ihrer viel besuchten Spanischen Treppe ist PM23 ein Publikumsmagnet der besonderen Art.

Popularisierung der exquisiten alta moda?

Nach Grablegung der Mode-Ikone? Weit gefehlt! Noch drücke ich mir nur die Nase platt an den Schaufenstern der bottega Valentino, beeindruckt von den ausgestellten Glanzstücken und dem gebieterischen Blick eines gestylten Modehändlers, und bescheide mich ante portas.

Kunst und Kleider

Noch konzipiert von Valentino selbst und seinem langjährigen Geschäfts- und früheren Lebenspartner Giancarlo Giammetti, trägt die Ausstellung VENUS die kreative Handschrift der portugiesischen Künstlerin Joana Vasconcelos, die ihre plastischen Entwürfe Valentinos Kleiderkunst zur Seite stellt.


Den Titel verleiht VENUS, die römische Göttin der Schönheit und der Liebe.


Doch ist diese Ausstellung weit mehr als eine Hommage an die glanzvollen Haute-Couture-Roben aus dem Archiv des römischen Designers. Frauen - gleich welchen Alters, vorzugsweise berühmt und finanziell gut betucht - verwandelte Valentino in Ikonen von Schönheit und Eleganz. Getreu seinem Mantra: "Ich liebe Schönheit. Ich kann nichts dafür."


VENUS, aus der Sicht Joana Vasconcelos', ist keine Vergötterung weiblicher Schönheit. Die Künstlerin greift klassische Elemente des römischen Labels auf und interpretiert sie neu. Sie präsentiert die Frau als Rollen- und Schönheitsmodell ebenso kritisch wie humorvoll und immer überraschend anders. Vor allem zeitgenössisch. So werden Geschichten erzählt.

"I'll be your mirror"

Schon auf der Piazza Mignanelli lockt eine Monumentalplastik der Künstlerin Frauen wie Männer an, sich ein Bild zu machen: von sich selbst aus wechselnden Blickwinkeln und von einer gebrochenen Realität in der Spiegelreflektion. Dutzendfach wird das Konterfei der neugierigen wie selbstverliebten, aber auch besinnlichen Betrachter widergespiegelt. Nach der Todesnachricht im Januar 2026 senden Blumensträuße stille Grüße (im letzten Bild).

Aus der Vogelperspektive erkennt man in der Spiegelskulptur eine Maske. Verhüllung des Blickenden und Blickschärfe zugleich:

Bond Girl und Lilaea

Mit gelenktem Blick betrete ich die heiligen Hallen der Valentino-Vasconcelos-Ausstellung. Begrüßt werde ich von zwei Statuen aus Vasconcelos' Zementserie. Klassische weibliche Verführerinnen, jetzt in aktualisierter, nicht minder reizvoller Häkel-Haut und im Schein der Lichtinstallation:

Hier, wie im gesamten Palazzo, bilden die Raumbezeichnungen eine gelungene Spannung zwischen körperlicher und geistiger Schönheit. Das Haus der Fondazione beherbergte einst den wohlhabenden Mignanelli-Familienclan, im 19. Jahrhundert eine Schule in kirchlicher Trägerschaft mit klassischen Bildungsfächern, von Metphysik und Liturgie über Mathematik, Musik und Medizin bis zur Grammatik. Valentinos reizvolle Bustiers und taillierte Jäckchen in den Türnischen ehemaliger Studierzimmer regen die Fantasie an. Im 21. Jahrhundert - so verstehe und weiß ich selbst - ist Schönheit ein komplementäres Konstrukt aus Körper und Intellekt. Und das gilt nicht nur für Frauen!


Walküre Venus

Im zentralen Ausstellungsraum leitet mich eine monumentale Kunstinstallation vorbei an Mannequins in Valentinos Haute-Couture-Kreationen aus den Jahren 1966 bis 2007.

14 Meter gehäkelte Handwerkskunst, mit aufblasbaren Ballons und verziert mit Stoffen, Metallen, Federn, Perlen und Lichterketten, widmet die Künstlerin dem kreativen Universum Valentinos. "Walküre Venus" nennt sie ihre Kreation. Mit riesigen Tentakeln umschlingt ihre Walküre zehn Modelle aus Valentinos Kleiderkunst und verleiht ihnen  - wie ihre Vorgängerin aus der nordischen Mythologie - den Rang von auserwählten Geschöpfen:

Hohe Handwerkskunst

zeichnet Valentinos Kleider ebenso aus wie Vasconcelos' Skulpturen. Allesamt sind sie von Hand gefertigt. Von Valentino ist bekannt, dass er auf Nähmaschinen und andere technische Hilfsmittel verzichtete. Joanna Vasconcelos betont mit ihren Häkelwerken aus Naturmaterialien die Genealogie einer Handarbeitskunst aus Ur-Großmutters Zeiten, die die industrielle Fertigung von Textil in den Nachkriegsjahren aus meist synthetischen Materialien überdauert hat und Element modischer Hochkultur geblieben ist.


In Hunderten an Arbeitsstunden haben Menschen in Rom wie in Vasconcelos' Lissaboner Studio von Hand dieses Monumentalwerk gefertigt.

Gigantische Schuhskulpturen

neben eleganten Abendroben in Silbergrau aus Valentinos Archiv der 1990er-Jahre erinnern an die Glamour-Zeiten einer Marilyn Monroe oder auch an gesellschaftliche Aufstiegsfantasien von Aschenputteln aller Zeiten. Seide, Satin, Organza und Taft verbinden sich mit Pailletten zu einer stilvoll-sexy Hülle der femininen Form:

Marilyn
Marilyn

Vasconcelos stellt das erotische Symbol von high heels aus Haushaltsartikeln her. Mehr als 300 Edelstahltöpfe türmen sich zum XXL Schuhwerk auf.

Im Material und in der Übertreibung liegt eine Anerkennung für die traditionell oft unterschätzte Plackerei von Frauen im Haushalt. Zugleich dominiert das gesteigerte Selbstbewusstheit der emanzipierten Frau, die ihre Weiblichkeit bewusst inszeniert, ohne sich auf das schöne Accessoire eines Mannes in dessen Haushalt reduzieren zu lassen.

Disfunktionale Industrieprodukte

erfahren aus Vasconcelos' Hand eine Umwidmung zum Kunstobjekt. 76 Bosch Bügeleisen fügt sie zu einer Lotusblüte zusammen. Ohne ihren Nützlichkeitscharakter bügeln und glätten diese Geräte keine Textilien mehr. Und biegen und pressen auch nicht mehr die Frau in die Rolle eines Hausmütterchens.

Full Steam Ahead
Full Steam Ahead




In Valentinos Abendkleid (2001) erblüht die Frau zu einer ebenso femininen wie widerständigen Gestalt, die ihre Schönheit präsentiert, keineswegs aber in haushälterische Dienste stellt.


Variationen von Liebe

Liebe zwischen Sehnsucht und Verlangen findet mit Joana Vasconcelos ihren plastischen Ausdruck, etwa in Red Indipendent Heart, einem rotierenden Ensemble in Herzform aus 4000 Besteckteilen aus Plastik, gebogen und durch metallische Komponenten ergänzt, begleitet von sehnsüchtigen Faro-Melodien aus der Klang-Installation sowie einer kleidsamen Stoffkreation in Valentino-Rot:

Valentinos chromatisches Markenzeichen seit 1959 ist Rot - neben Weiß für Hochzeitskleider. Er wählt eine archetypische Farbe der Menschheitsgeschichte, zunächst für die Malerei gewonnen, dann für die Färberei von Stoffen verwendet. Leben, Liebe, Leidenschaft - das Valentino-Rot holt Frauen aus ihrem traditionellen Versteck hinter sanften Farben heraus, verleiht ihnen vitale Präsenz und und royalen Glanz. Und einen Schuss wehrhafter Aggressivität.


Dunklere Facetten der Liebe zeigt Joana Vasconcelos in Witch Mirror als Gegenpol am anderen Ende des Ausstellungsflurs:

Rote und schwarze Tentakeln und Dornen aus Vasconcelos' artistischem Reservoir scheinen nach der Figur im schwarzen Valentino-Gewand zu greifen. Schwarze Stoffkaskaden unter dem schulterfreien Bustier dominieren schmale Streifen an rotem Futter auf der Rückseite. Im Spiegelbild erkennt die Figur nur reines Schwarz, nicht die Reste ihrer verborgenen Vitalität.

Straßenpuff im Edel-Transporter

Liebe als Geschäft. Auch weibliche Prostitution ist ein Thema, das Joana Vasconcelos nicht scheut, kunstfähig in den Raum zu stellen.

Strangers in the Night
Strangers in the Night

Die Liegefläche eines Transporters wird zur Arbeitsstätte von Frauen auf dem Straßenstrich. Eine schallisolierende edle Lederausstattung in Weiß lässt das Liebesabenteuer zunächst komfortabel erscheinen. Doch in den intimen Begegnungsort dringen störend Text und Melodie des verfremdenden Sinatra-Song Strangers in the Night ein. Die flackernden Lichter gehören wohl zu den Autos von Kunden, die nachts am Straßenrand flanieren, um Sexarbeiterinnen ins Geschäft zu verwickeln. Valentinos kurzes Cocktailkleid lässt keinen Zweifel an der verführerischen Hülle von Weiblichkeit. Zusammen zeigen Skulptur, Installation und Couture, wie verletzlich weibliche Reize sind, wenn sie sich für flüchtige Dates anbieten.

Im Garten Eden

versammeln sich alle archetypischen Frauenfiguren der Ausstellung: Walküreheldin, Prostituierte, Aschenputtel, Femme Fatale und Verführerin. Auch die Schlange fehlt nicht, in kunstvoller Verzierung aus Vasconcelos' Hand.

Dennoch: Kein idealisiertes Paradies, dieses Eden. Eher ein Ort des Übergangs, wo Frauen ihre zukünftigen Rollen selbst und bewusst finden können. Fluoreszierende Flackerlichter tauchen den Raum fortgesetzt in Licht und Schatten, verhüllen und offenbaren die ästhetische Nacktheit der Figuren in Valentinos blickeinladenden Spitzen-Roben. Kein einfacher Prozess, diese Symbiose von Sinnlichkeit und Selbstbewusstsein als Frau zu generieren.

Brücke zwischen Kunst, Mode und Gemeinschaft

Am Gemeinschaftsprojekt VENUS waren mehr als 200 Menschen in Rom und Lissabon beteiligt. Allein in Workshops entstanden in 750 Stunden 200 kg gehäkelte Formen. Studierende der belle arti und des Modedesigns halfen bei der Ausstellungskonzeption, bei der handwerklichen Arbeit engagierten sich Kinder aus Krankenhäusern und Hospizen mit ihren Familien, Frauen aus Frauenhäusern und Gefängnissen.


Die Fondazione Valentino Garvani e Giancarlo Giammetti fördert kreative Talente ebenso wie handwerkliches Geschick und unterstützt Menschen in prekären Verhältnissen. Durch Partizipation öffnet sie die Welt der Modeelite der urbanen Öffentlichkeit in Rom.

VALENTINO

Verantwortliches Unternehmertum

mit Sinn für

gesellschaftliche Partizipation

Valentino Garavani through the eyes of

Joana Vasconcelos

Ausstellung in

Rom, Piazza Mignanelli 23, PM 23

18.01. - 31.05.2026




 
 
 

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