Problempaar mit Potential
- Hilda Steinkamp

- 1. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Ewald Arenz erzählt von der "Liebe an miesen Tagen"

„Ich will eine richtige Liebe,
keine Affäre
und keine Scheiß Quality Time
alle vier Wochen mal.“So faucht es aus Clara heraus. Mitten in der Geschichte. Sie spricht Klartext. Immer. Als wäre sie dies ihrem Namen schuldig: „Klar sein.“
Sie hat soeben mit Elias gebrochen. Da ist ihre frische Liebe gerade mal sechs, sieben Wochen alt. Nach Rissen in beider Beziehungsbiografien. Eine Herzensallianz, so resümiert Elias‘ Tochter Jule, die bei ihrer Mutter lebt, „wie zwei gebrochene Hälften, die jemand wieder zusammenfügt, und dann sieht man die Risse fast nicht mehr, so genau passen sie zusammen.“
Clara und Elias
Sie Ende vierzig, "attraktiv. Auf eine herbe, verschlossene Weise." Er noch keine vierzig, "sehr charmant", "sehnig", "alle Muskeln wie zum Gebrauch, nicht zum Herzeigen." Ein ungleiches Paar, wie Clara anfangs befürchtet. Wie weggefegt, ihr gefühlter Altersunterschied, als sich aus dem „Prickeln der Fremdheit“ zu Beginn ihrer Geschichte sehr bald „eine Spannung zwischen ihren Körpern“ entwickelt, „die nach Entladung verlangt“, bis beide „in Liebe fallen“. Falling in love. Clara hält’s mit der englischen Version. Auf Deutsch klingt "sich verlieben" für sie zu gefährlich - wegen der destruktiven Vorsilbe ver-. Verfall, Verrat, Verdammnis. Also gilt für sie: „Nichts Halbes“. „So eine Liebe oder keine.“ Die Leichtigkeit ihres Anfangs erhält dosierte Würze durch die witzige Ironie ihrer Dialoge.
Das Bett ist nicht das Ende der Geschichte.
Claras verlockendes Jobangebot
als Leiterin einer Fotoredaktion im fernen Hamburg ist für sie als arbeitslose Fotografin aus der Provinz ein Karrieresprung. Doch eine 600-km-Hürde für Elias, der sich mit seinem Theater-Engagement als Schauspieler und als Vater einer noch nicht erwachsenen Tochter an eine namenlose Stadt in Süddeutschland gebunden fühlt.

Verstreute topografische Angaben und eine schnelle Google-Recherche deuten auf Bamberg. Eine verträumte Mittelstadt am ruhigen Fluss mit einer beschaulichen Altstadt. „Beide Türme des Doms“, „Gassen zwischen den kleinen Häusern mit ihren winzigen terrassierten Gärten“, „verwitterte Zäune und hohe Mauern“, über die ein Kirschbaum seine Früchte anpreist, versprechen ein Leben in Ordnung und Geborgenheit, orakeln aber auch Stillstand.
Clara will hier raus.
Landschaftsbilder

lässt der Erzähler mit fotografischem Blick fürs Detail seine Figuren wahrnehmen. Sie spiegeln ihre Gefühlswelt. Das sind ausdrucksstarke Bilder, je nach Lage der Beziehung. Im überraschend üppigen Schneefall des Vorfrühlings, kurz nach ihren ersten Begegnungen, erkennt Clara eine „kleine, freundliche Katastrophe": „Außen Sturm. In ihr Sturm."

Elias sieht im Flug des Falken, der vom Wind getragen „hoch im Blau“ aufsteigt, ein Zeichen seines „wilden Glücks“.
Ihr selbstgewähltes Hamburger Exil dagegen versteht Clara als eintönige „Zwischenzeit“, „wenn die explosive Kraft der ersten Blüte" im Frühjahr, "wenn die Woge bunter Lust verebbt“ und alles nur noch grün ist. Ihr lakonisches Resümee: „Man lebt, aber blüht nicht.“ Und ähnlich betroffen reagiert Elias in der Trennungssituation auf ein kunstvoll gewebtes „Spinnennetz im Halbschatten“, in dem „ein paar letzte Tautropfen funkeln“: „Wieso durfte die Welt schön sein, wenn gerade alles kaputtging?“
Über lange Wochen
scheint nichts die beiden späten Neulinge in der Liebe trennen zu können. Kein nostalgischer Rückblick Claras auf ihren verstorbenen Mann, keine Ranküne von Elias' verbitterter Ex-Freundin Vera, keine konkurrierende, um ihre Alleinstellung in Papas Kosmos fürchtende Teenie-Tochter noch die Missgunst ihrer vom Vater entfremdeten Mutter Mona.
Wie mit einem Weichzeichner tilgt der Autor die hinlänglich bekannten Animositäten rivalisierender Frauen um die zentrale Männerfigur, die im echten Leben wie in literarischen Entwürfen auftauchen, etwa in Françoise Sagans Bonjour tristesse (1954) oder in Helen Henckels Warum erst so spät (2024). Arenz dagegen führt Elias' Frauen in einer Krisensituation einträchtig zusammen.
Auch Claras Senioreneltern - „die Mutter dement und der Vater psychotisch“ - trüben ihr Liebesglück nicht. Sie kümmert sich um beide mit heiterer Gelassenheit. Und einzeilige Störmanöver im Landschaftscode überliest man zunächst: „Nicht alles, was im Frühjahr blüht, wird auch zur Frucht.“

Was bringt die Handlung weiter voran?
Die anstehende Trennung aus beruflichen Gründen? Ja, zunächst. Sie fördert Konfliktpotential zutage. Clara findet sich „zu alt, um auf das richtige Leben, das richtige Glück und die richtige Liebe zu warten,“ wenn Elias ihren Umzug nach Hamburg nicht zeitgleich mitmacht. Er jedoch hat noch mehr komfortable Zeit im jüngeren Lebensgepäck und will erst nach zwei Jahren nachkommen, wenn sein Theatervertrag ausläuft. Pendlerbesuche sollen die Trennung überbrücken. Zwei Jahre sind Clara zu spät. Kein Vertrauen in die Beständigkeit junger Liebe im fortgeschrittenen Alter.
Sie verlässt ihn.
Doch Claras Alleingang nach Hamburg ist nicht das Ende der Geschichte. Noch liegen gut 140 Seiten Lesepensum vor uns.

Der „kleine Dorn“ einer Heckenrose
an einem Zaun, über den er am Tage ihrer Erstbegegnung stieg, führt bei Elias erst zu einer vernachlässigten Nagelbettentzündung und dann zu einer lebensbedrohlichen bakteriellen Infektion. Der Schauspieler fürchtet um seinen Körper: „sein Arbeitsmittel, sein Kapital. Bewegung. Stimme. Stärke.“
Führt seine Krankheit die Partner wieder zusammen? Aus Mitleid? Pflichtgefühl? Pflegebedürftigkeit? Oder ist da doch noch mehr, was Clara und Elias verbindet?
„Vielleicht kann man einer Liebe
einfach nicht alles zumuten.
Vielleicht hält sie
zu viele miese Tage nicht aus.“ So resigniert Elias. Im Sinne des Romantitels? Und auf dem Krankenbett flucht er: „Verdammt noch mal, musste man sterben, nur um vorher das erste Mal richtig zu verstehen, wie scheißschön das Leben war?“
Wer Gewissheit haben will,
ob es tatsächlich Claras Wille ist, „ihr Leben allein zu leben“, und ob Elias das Glück hat, weiterzuleben - trotz mangelnder anerkannter Heilverfahren für seine Krankheit, der

wird mit Neugier auf eine mitreißende Lesereise über knapp 400 Seiten in Ewald Arenz‘ Roman gehen wollen. Ein Lektüre-Pharmakon "an miesen Tagen"!
Ewald Arenz
Die Liebe an miesen Tagen
Roman
2. Aufl. 2024
© 2023 DuMont Buchverlag Köln
Love on Lousy Days
Englische Leseprobe:
Ewald Arenz (*1965, Nürnberg),
Gymnasiallehrer und Bestseller-Autor
von Kurzgeschichten,
Theaterstücken
und Romanen.



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