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Provokateur und Ästhet der Fotografie

Autorenbild: Hilda Steinkamp
Hilda Steinkamp
vor 13 Minuten
5 Min. Lesezeit

Robert Mapplethorpes "Le Forme della Bellezza" regen die Gemüter an im Museo dell'Ara Pacis in Rom


Zeitreise in die Counter Culture

der 1960er-/70er-Jahre. In das urbane Chaos in New York City - ein Sündenphuhl für die einen, ein kreativer Hotpsot für die anderen. Flower Power wirbt für altrnative Lebenstile, Black Is Beautiful wird zum Slogan der Bürgerrechtsbewegung, Frauenrechtlerinnen kämpfen für Gleichberechtigung. In Brooklyn schreibt sich 1963 Robert Mapplethorpe beim Pratt Institute ein. Der 17-jährige Highschool-Absolvent stammt aus einer kinderreichen, streng katholischen Familie in Queens. Er will Werbefachmann werden, strebt einen Brotberuf an.

Zu der Zeit sind beide New Yorker Stadtbezirke brodelnde Zentren des amerikanischen Melting Pot, ethnisch wie popkulturell gehören sie zu den vielfältigsten Bezirken der USA. Die Flucht der weißen Bevölkerung aus diesen Stadtteilen gibt Raum für marginalisierte Bewohner.

Aufbruch ins Künstlermetier

Robert Mapplethorpe lässt sich von den Impulsen der US-Gegenkultur mitreißen. Seine bürgerliche Herkunft versinkt. Schnell wechselt er das Studienfach, macht Design, Malerei und Bildhauerei zu seinen Ambitionen.

Bald trifft er auf Patti Smith, Punk- und Rockmusikerin, Fotografin und Malerin. Sie wird für ihn Geliebte, Gefährtin, Mutter, Schwester und beste Freundin in einer Figur. Seine erste Muse. Das Paar quartiert sich in Manhattan ein, verkehrt in angesagten Clubs mit Künstlern der Avantguarde. Mapplethorpe dehnt seine sexuelle Orientierung aus, macht Erfahrungen mit afroamerikanischen Männern und BDSM-Praktiken in underground gay clubs. Freie Selbstentfaltung im ausschweifenden Lebensstil wie in der künstlerischen Gestaltung - das ist seit den frühen 70er-Jahren Mapplethorpes Ansporn.


Aus seinen vielfältigen Begegnungen gewinnt er seine Modelle. Er macht die Fotografie als künstelrisches Medium zu seiner Leidenschaft.


Collagen

Zunächst experimentiert er noch mit einer Polaroid-Kamera, macht alltagstaugliche Shots für Jedermann. Seine frühen Collagen aus religiösen Fetischen und erotischen Motiven setzen seine Freude an der Materialkomposition ins Bild:


Körperbilder

Mit 30 nutzt Mapplethorpe die damals neueste Technik einer vollmechanischen Hasselblad 500C für seine Personenfotos in Ganzkörper-, Porträt- oder Fragmentaufnahmen. Sein fotografischer Blick schärft sich zunehmend. Mit den Augen eines Bildhauers für Körperform und Komposition will der Künstlers hinter der physischen Fassade der Person ihren Kern, ihre Individualität offenlegen.

Muse Patti Smith

Muse Lisa Lyon, erste Bodybuilding-Weltmeisterin
VIPs aus Film, Literatur und Malerei und Athletik

Richard Gere, Truman Capote, Roy Lichtenstein, David Hockney, Andy Warhole

Kim Novak, Paloma Picasso

Grace Jones, Isabella Rossellini

Marmor und Celluloid

Mapplethorpe genießt zu Lebzeiten wie posthum den Ruf eines genio ribelle. Vor allem wegen seiner Nacktfotos, deren öffentliche Rezeption zwischen innovativ, gewagt und skandalös oszilliert.


Auf mich wirkt seine provokante Fotografie wie erotische Ästhetik. Sublimiert. Keine Fleischbeschau. Der Fotograf beherrscht den Balanceakt auf dem schmalen Grad zwischen Kunst und Pornografie.


Seine freizügigen Personenfotos zeigen männliche wie weibliche Akte in eingefrorenen erotischen Situationen. Nicht im Vollzug des Liebesaktes. Explizite geschlechtliche Details werden ausgespart, verhüllt, abgedeckt oder gleiten in den Schattenbereich der Kamerabelichtung.


Auch Blumen erhalten mit Mapplethorpes Kameraauge eine ästhetische Überhöhung - oder dienen ihm als symbolisches weibliches Pendant im erotischen Spiel der Geschlechter.

In Rom begegnet Mapplethorpe dem kulturellen Erbe der Stadt in plastischer Anschauung. Roms antike Marmorskulpturen inspirieren ihn zum antikisierenden Körperkult im Medium der Fotografie.


Zugleich entwirft der Fotograf ein künsterlisches Wechselspiel: Reale Körper stilisiert er zu Statuen im antiken Stil, während er leblose Skulpturen aus dem Stadtbild Roms in einen lebendigen Lebensraum versetzt.


Die Kuratoren der Mapplethorpe-Ausstellung in Rom würdigen dieses Konzept des Künstlers. In einem eigenen Raum treten seine Skulpturenfotos in einen Dialog mit analogen antiken Statuen.

Sehr anschaulich wird damit das Museum zum Raum, in dem die Vergangenheit zu uns Heutigen spricht. Schönkeit in der Kunst wird hier in ihrer Kontinuität und Wandelbarkeit sichtbar. Mapplethorpe gebührt das Verdienst, die Grenzen der Bildkunst gedehnt, neu gesetzt zu haben.


Hinauf auf den Olymp im Kunstmarkt

Mapplethorpe weiß sich früh zu vermarkten. Ersten kleinen privarten Ausstellungen folgen publikumwirksame Museumsprojekte in New York, San Francisco und Venezia. Noch unterliegen explizite erotische Darstellungen der kuratorischen Zensur. Solche Fotos verden gebannt oder minderjährigen Besuchern wird der Eintritt verwehrt. Mit der Documenta 6 in Kassel als weltweit richtungsweisender Institution für zeitgenössische Kunst gelingt dem Fotokünstler 1977 der internationale Durchbruch.


Der Fotograf sucht die Anerkennung in der Kunstwelt und propagiert zugleich die Verherrlichigung der physischen Körperlichkeit bis zu unverhüllter Erotik. Provokativ bricht er dabei tradierte Konzepte auf. An Lisa Lyon akzentuiert er deren androgyne Schönheit, Weiblichkeit harmonisiert mit maskuliner Muskulatur. Seine Frauenakte sind frei von lasziver Ausstrahlung. Sexuelle Orientierung erweitert sich mit der klassisch ins Bild gesetzten reizvollen Nackheit afroamerikanischer Männer.


Wie kein anderer beherrscht der Fotograf dabei einen künstlerischen Balanceakt. Seine monochromen Kompositionen und bewusst gewählten Bildausschnitte verhindern einen voyeuristischen Blick auf erotische Nacktheit, mildern skandalös empfundene sexuelle Motive. Der Ästhet in ihm zügelt den Provokateur.


Fotografisches Logbuch

Der Tod kommt früh. Mit gerade 42 Jahren stirbt Mapplethorpe 1989 an den HIV-Folgen seine promiskuösen Lebensstils. Damals gibt es nur eine zweijährige Überlebenschance für Aids-Erkrankte.


Rechtzeitig hat der Fotograf ein Foto-Tagebuch seines kurzen, aber intensiven Lebens gestaltet: in Selbstporträts, mit einem Totenkopfstab und seiner entkräftigten Gestalt als düsterem Schlusslicht.


Auch nach seinem frühen Tod geht die Erfolgsgeschichte weiter. Eine Ausstellung im Whitney Museum of American Art in New York eröffnet den Reigen der Retrospektiven, der bis heute weltweit anhält, aktuell am Standort Rom. Robert Mapplethorpe wird gefeiert als Ausnahmetalent in seinem fotografischen Metier, für seinen Anspruch auf einen freien gestalterischen Raum ohne Zensur und Vorurteile. Ein Nimbus der Unsterblichkeit umgibt den jungverstorbenen genio ribelle.


"Le Forme della Bellezza" in der Ewigen Stadt

Kein Aussstellungsraum scheint geeigneter zu sein als das Museo dell'Ara Pacis Augustae. Der Marmoraltar, der den Frieden unter Kaiser Augustus feierte, wurde 13. v. Chr. erbaut, im 20. Jahrhundert aus dem Schlamm der Tiberniederung ausgegraben, wird seit 1938 unter einem Glascontainer konserviert, ist Dauerexponat und Namensgeber für das römische Museum.


Strenge Gesetzmäßigkeit, Symmetrie und harmonische Proportionen gelten Kunsthistorikern als Merkmale klassischer Architektur und Bildhauerei. Mapplethorpes Fotografien folgen ähnlichen Gestaltungsprinzipien. Aus meinem etwas angestaubten gemanischen Bildungsspeicher poppt spontan eine Zwillingsbezeichnung des Archäologen Johann Winckelmann (1717-1768) für Malerei und Bildhauerkunst der klassischen Antike hoch: "edle Einfalt, stille Größe".


Und in der Tat: Die Aussparung erotisch expliziter Formen (selbst die Phallus-Ablichtungen wirken durch befremdliche Accessoires losgelöst von sexueller Anzüglichkeit),

der Verzicht auf plakative Vielfarbigkeit, der körperliche Ausschnitt, die Reduktion auf das Wesentliche einer Persönlicheit - Robert Maplethorpes ästhetische "edle Einfalt" hat "stille Größe". Für mich.


Einstimmung und Ausklang

Für unser Event hat Federico Palmieri, Consule bei InterNations, einen Kunstverständigen angeheuert. Gianni Pinnizzotto, Fotoreporter, Direttore della Scuola di Fotografia und Presidente dell'Associazione Graffiti, hält uns vergnügliche 40' lang mit Hand, Herz und Sachverstand im Schatten des Museumseingangs gefesselt.





Dann entlässt er uns eingestimmt auf unseren eigenen Museumsgang und taucht immer wieder unterhaltsam an unserer Seite auf.





Kunstgenuss macht Appetit auf andere Kost. Kein InterNations Event ohne geselligen Ausklang! Diesmal auf dem Rooftop eines Deli-Ladens unweit des Museums. Beim Lunch schnattern wir genüsslich über Porträts, Promis, Phallus und Proportionen in Robert Mapplethorpes Galerie von über 200 Fotos.

Robert Mapplethorpe

LE FORME DELLA BELLEZZA

29.05.- 04.10.2026

Lungotevere in Augusta

00186 ROMA Rm



 
 
 

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