Faust fliegt raus - oh Graus!?

Bei Goethe zu Haus in Rom

Goethe ade?
Einst auf Höhenflügen durch kulinarische, körperliche und kognitive Erlebniswelten ist Goethes literarische Figur Faust samt seinem gleichnamigen Lebenswerk (work in progress: 1772-1831) längst oder aktuell aus den Bildungskatalogen deutscher Schulen geflogen. Weiterführender Schulen, mit ihrem einstigen hehren Anspruch auf Allgemeinbildung.
Nicht erst seit der PISA-Studie 2026, die Deutschland in der Lesekompetenz auf Rang 23 im globalen Wettbewerb zurückgesetzt hat - 7 Ränge Verlust seit der 2016er-Studie -, geistert Goethe Light wieder durch den Bildungssektor. Das hatten wir doch schon. In den 1980er-Jahren etwa, als Vorschläge, Wortschatz und freien Vers zu nivellieren, also Faust fürs Volk als Leichtkost zu servieren, im curricularen Orkus verschwanden.
Und dann war da ja noch was Komödiantisches. Keine Disziplin des Dramakönigs Goethe. Aber eine Idee der Filmindustrie. Fack Ju Göthe hatte außer im provokanten Titel und seinem Drehort an einer fiktiven Goethe-Gesamtschule keinen Bezug zum Dichter. Doch in der Dreier-Serie (2013-2017) versprühten diese Pennäler-Filme einen besonderen humoristisch-rebellischen Disrespekt gegenüber einem als unzeitgemäß empfundenen klassischen Bildungskatalog an Schulen. Aber das ist ja auch schon zehn Jahre her. Kassenschlager - ja, aber Appell längst verhallt. War ja auch leichte Kost.
Goethe überholt?
Nicht so in Goethes ehemaligen Headquarters in Rom. Dort wird er museal konserviert. Über 200 Jahre lang war die Casa di Goethe als ehemaliges Wohnhaus nahezu in Vergessenheit geraten. Was seit 1997 auf der Via del Corso ein eher verstecktes Museum in Roms reicher Kulturlandschaft ist, beherbergte von 1786 bis 1788 - mit Unterbrechungen - den gelehrten und geadelten Grandseigneur der deutschen Literatur Johann Wolfgang von Goethe. Writer's block, ein Übel, das ihn wie andere Kollegen der schreibenden Zunft ereilte und bei ihm bereits zehn lange Jahre verweilte, zog ihn in "das Land, wo die Zitronen blühn", auf die Grand Tour, die Bildungsreise, die sich europäische Adelige sowie Gebildete und Gutsituierte aus dem Bürgerstand im 17. bis 19. Jahrhundert gönnten.

"Auch ich in Arkadien", bejubelte der Dichter in der Tradition seiner gelehrten Vorgänger seinen Wunschort Rom, meinte damit "die Hauptstadt der Welt". Obwohl: Caput mundi - das war Rom längst nicht mehr.

"Die Begierde, dieses Land zu sehen, war überreif", hielt er im Tagebuch seiner Italienischen Reise fest, und erwartete ein stressfreies Schriftstellerparadies.
Schon bald nach seiner Ankunft in Rom entfuhr dem Dichter der erleichterte Stoßseufzer, nicht ohne eine gepfefferte Prise an Selbstbewusstsein: "Erst jetzt habe ich begonnen, wieder zu leben und meinem Genie alle Ehre zu machen."

Dem Andenken an den global bekannten deutschen Dichterfürsten ist heute nur die 1. Etage in der Casa di Goethe gewidmet. Die anderen Etagen bis hoch zum rooftop zehren von Glanz und Namen des gekrönten Hauptes und machen Kasse als hochwertige Gästeimmobilien.
Die schmale Fassade inmitten einer langen Häuserreihe fängt nicht jeden Touristenblick. Meinen schon, zumal die Via del Corso prominent in der Nähe der Piazza del Popolo gelegen ist, einst das Eingangstor für Pilgerströme.
Ich zögere vor dem Klingelschild von 1872 mit der Aufschrift: "In questa casa immaginò e scrisse cose immortali Volfango Goethe". Roms Wertschätzung für Goethe und die unsterblichen Themen, die er erfand und über die er schrieb.
Wieder so ein Versuch, unser kulturelles Gedächtnis wachzuhalten? Einen Klassiker der deutschen und europäischen Bildungswelt für die Nachwelt zu konservieren? Ich mache mich auf einen Entdeckungsgang. Mit bescheidenem Wegegeld: € 6 fürs Ticket.
Goethe altehrwürdig

In Goethes einstigem Quartier sind im Original oder in Rekonstruktion Holzbalken- und Kassettendecken sowie Steinfußböden erhalten. Porträts und Marmorbüste des Dichters von Künstlern seiner Zeit füllen mehrere Ausstellungsräume.


Hunderte von Architektur- und Landschaftszeichnungen gehen auf das Konto des Universalgenies Goethe. Einige davon hängen im Museum.
Vorsorglich unter Glas konservierte Frühausgaben von Goethes Werken lassen ein Germanistinnenherz höherschlagen. In der Bibliothek liegen ein paar antiquarische Schätze fürs haptische Vergnügen aus.
Überhaupt ist Goethes modern möbliertes Studierzimmer ein bibliophiler Hort. Alle Bücher sind echt. Keine Fake-Bücherrücken für Möchtegern-Bildungsbürger. Die Mehrheit der Bücher sind sekundäre Werke. Essays, Dissertationen, Habilitationen. Geheimrat Goethe verhilft mit seinem Schrifttum forschenden Geistern zu akademischen Weihen.

All diese Exponate sind alt und ehrwürdig. Verdienen ihren musealen Platz. Wo aber kommen unverbildete Geister, ich meine neugierige junge Wissbegierige, auf ihre Kosten? Gibt es Ansätze, Goethe nach fast 200-jährigem Ableben für die junge Generation zu beleben?
Goethe reloaded
Ja, gibt es. In der Casa di Goethe. Für Spürnasen.
Goethe als Malermodel
Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, der deutsche Maler in Goethes Nachbarschaft, praktizierte feinste Porträtmalerei vor Erfindung der Fotografie. Er stellte den Dichterfürsten realistisch und standesgemäß dar, im salonfähigen Reiseornat eines Adeligen, auf einer herrschaftlichen Chaiselongue gebettet vor der lieblichen Hügellandschaft der Campagna di Roma. Locus amoenus, eine idealisierte Naturlandschaft mit der Kraft der spirituellen Renaissance, die Goethe auf seiner Italienischen Reise suchte.
Mich reizt das Bild zum copy catting. Ich pose als feminines Pendant. Auf dem bereitgestellten modernen Ledersofa. Im Stile einer Influencerin?

Goethe salopp und gar nicht salonfähigTischbeins Aquarell "Goethe am Fenster" - ein herrlicher Kontrast zur Standesfigur und Steilvorlage für einen Comic.
Goethe als Pop-Art-IkoneAndy Warhol inszenierte 1982 Goethes Büste nach Tischbeins Vorlage überdimensional als popkulturelle Größe. Und lässt sich selbst in schwarz-weißer Schlichtheit und starrer Körpersprache vor dem Original im Frankfurter Städel Museum ablichten. Sein Markenzeichen, diese Selbstinszenierung.
Goethe plakativ im IT-Zeitalter
Wäre dem Dichter, der über 60 Jahre bis zu seinem Todesjahr an seinen beiden Faust-Bänden schrieb, das Schreibgeschäft schneller von der Hand gegangen, wenn er die digitale Schnelligkeit eines Computers hätte nutzen können? Sich selbst hätte vermarkten können mit Handy, Internetzugang und Messages per E-Mail und in den Social Media? Zeitungen der Qualitätspresse hätten die Kunde von seiner Italienischen Reise tagesaktuell
verbreiten können. Welchen Mehrwert haben seine kalligrafisch sehenswerten, über snail mail in Menge versandten Briefe? Goethe mit einem Reiseblog und digitalisierten Fotos statt Hunderter Tagebuchseiten und Tischbeins wie seinen eigenen Zeichnungen? So könnten im digitalen Zeitalter literarische Gespräche beginnen.
Goethe to go
Ich nehme einen schmalen Band aus der Casa di Goethe mit nach Haus auf die Hand. Sein Reise-Logbuch wohnt eh' schon in meiner Casa a Roma.
Beim Gang über die Piazza del Popolo beamt mich ein junges Paar an. Klar, Jungvolk wie sie könnten die grafischen Aktualisierungen im Museum ansprechen. Und Themen im Faust wie Lust aufs Leben, Reisefieber, Entdeckerfreude, Frust über den Lehrbetrieb, heiße Liebe und ungewollte Teenie-Schwangerschaft, Sex, Drugs and Rock 'n' Roll - die müssten doch auch junge Köpfe erreichen. Aber bloß kein billiges Update: "Ach so, also damals schon!" Eher sich zu überlieferten Lebensentwürfen positionieren. Kritisch. Als Heutige.
Faust verstaubt!? Von wegen!
Findet's heraus!
Fast ein esoterischer Appell in diesen Tagen? Schüler/innen - nicht ihre Trittbrettfahrer - demonstrieren für einen besseren Lehrbetrieb. Die Protestwelle aus Paris hat europäische Metropolen erreicht, auch Rom. Goethe Revival - das passt doch!



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