Tutti al mare - etwa nicht?
- Hilda Steinkamp

- 20. Aug. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. Aug. 2025
Römischer Sommer zwischen carovita und improvvisazione

Der römische Sommer
kommt nicht plötzlich. Und auch nicht zeitgleich mit meinem germanischen Frohlocken ob steigender Temperaturen und kilometerlanger freier Strandstrecken.

25° in der Sonne, 18° im Wasser, der Strand noch naturbelassen - da taucht doch eine Amazone aus Deutschlands Nordosten wonniglich ein in Sand und Welle.
Einheimische - moltoprengewandet - gleiten dagegen über Wellen, heben ab in die Lüfte oder warten das Ende der Flaute ab.
Da ist es Anfang Mai.

Römische Menschen
haben eine höhere Wohlfühlschwelle für freizeitliches Strandvergnügen: ab den oberen 20er-Temperaturen und gern mit Liegekomfort. Das ist Anfang/Mitte Juni der Fall. Da erwachen Strände aus der Brachland-Starre von einem Dreivierteljahr.

Strandbetreiber möblieren ihre Sandfläche: spiaggia attrezzata mit Liegen und Sonnenschirmen, lettini e ombrelloni.
Mit Mauerwerk oder Holzkonstruktionen für Umkleide, Dusche, WC, Bar, Restaurant und Grundstücksgrenze wird daraus was Stabiles: Badeanstalt - stabilimento balneare. Beides kostet. Zwei Liegen, ein Schirm unter der Woche ca. 30 € täglich, günstiger wochenweise oder außerhalb der Hochsaison. An Wochenenden, im Juli und August und je nach Lage und Ausstattung ist bei den Tarifen viel Luft nach oben drin für Gewinnmaximierung. Da kann ein Set durchaus 60 € kosten. Im Nobel-Stabilimento einiges mehr.
Aber das ist ja bekannt. Gesetz des Marktes. Warum also 2025 das Nachrichten-Gejammer on- wie offline? Getöse im medialen Sommerloch?
Kaum ist er da, der römische Sommer,
da übertreffen sich die Presse-Schlagzeilen mit ihren Kassandra-Rufen. Die Preise fegen die Strände leer, empört sich La Repubblica, Roms Presseorgan. Von Bergflucht der strandverwöhnten Italiener, vom Versagen der Regierung ist anderswo die Rede. Die Tourismusbranche habe auf Regierungsgeheiß den Overtourismus 2025 delokalisiert und in die Bergwelt der Abruzzen, Alpen und Dolomiten umgelenkt. Dort rechne man mit einem Zuwachs von 5% im Hotelgewerbe. Der Schlachtruf für die Sommermigration, tutti al mare, weiche einem momento d'oro in montagna, schätzt sardegnareporter.it. Bewiesen ist das noch nicht. Erst nach Ferragosto gibt es Zahlen und objektivierbare Aussagen - nach Gästenationalität differenziert. Wer die respektablen Preise in den Berg-Herbergen kennt, mag kaum an eine Preisflucht der Italiener denken. Schon gar nicht im Hitzemonat August.
Deutsche Blätter tröten in die gleiche Tüte. BILD suggeriert per Schlagzeile eine Preisexplosion: "1500 Euro für einen Strandtag in Italien", erst wer weiterliest (was nicht alle tun), erfährt vom toskanischen Luxushotel mit exklusivem Strandservice. Selbst FAZ.NET trübt, vorsichtiger zwar, die Sommerstimmung: "Entspannt auch ohne Strand". In ZDFonline liest man vom "teuren Platz an der Sonne". Merkur prophezeit "Gähnende Leere in Italien". Und das Handelsblatt kennt den Grund: "Am Mittelmeer fehlen die Oligarchen".
Italiens Mega-Küstenlinie
Mit rund 8000 km Küstenlinie - nach der italienischen Universal-Enzyklopädie Treccani - ist dieser für 2025 vermutete neue Berg-Trend mehr als verwunderlich.
Derweil wehrt sich der Verband der Strandpächter gegen den Vorwurf der Preistreiberei, wenngleich er bis Juli 2025 einen Rückgang von 15-25% an vermieteten Liegen und Schirmen zugibt.

Strandbetreiber halten sich zurück mit Preisaufschlägen. Wen ich befragt habe an "meinen" Stränden im Radius von 50 km um Lido di Ostia beteuert: "Come ogni anno", wie jedes Jahr gleichbleibende Preise. "Quasi", schicken einige noch hinterher. Nehm' ich jetzt mal als Wahrheit alla romana.
Und in der Tat: Strandwirte sind gut beraten, 2025 ihre Tarife nicht in die Höhe zu treiben. Denn:
Es schwelt auf dem EU Wettbewerbsmarkt
Ende 2023 sind die Maßangaben für Italiens Küstenlinie - um alle winzigsten Inseln herum - auf stolze 11.200 km hochgeschnellt, wie eine italienische Arbeitsgruppe nachgemessen hat. Das wollte die Giorgia-Meloni-Regierung wissen, die die Frage der mutmaßlich illegalen Strandbad-Konzessionen neu aufrollen soll. Auf EU-Druck hin.
Der Strandbetrieb liegt seit Generationen fest in Händen italienischer Familien, wie ein Geburtsrecht. Ohne öffentliche Ausschreibung. Von Kommunen fraglos hingenommen. Und zur famiglia gehören auch die vielen cugini, die das Netzwerk nahezu grenzenlos, aber tragfähig ausdehnen. 300.000 Mitarbeitende in gut 7.000 stabilimenti erwirtschaften in der Badesaison von Juni-September respektable 15 Milliarden Euro. EU mahnt, dass es sich um einen einträglichen Wirtschaftszweig handele, der öffentlich auch für Dienstleistungsanbieter außerhalb Italiens zugänglich sein müsse.
Die Lido-Lobby fürchtet jedoch globale Konkurrenz auf ihrem nationalen Dienstleistungsmarkt. Asiaten, Afrikaner und Albaner etwa arbeiten ja längst schon im Niedriglohnsektor als Strandverkäufer und ambulante Strand-Masseurinnen.
Ein chinesischer Großkonzern etwa als Strandverwalter mit marktunterbietendem Dienstleistungsangebot würde einheimische Mitarbeiter in die Lohnabhängigkeit drängen, schlimmer noch: brächte bald auch seine eigenen Landsleute im Schlepptau mit. Undenkbar! Der Nationalstolz der Italiener im Keller! Und verlässliche, obwohl nur saisonale Einkünfte für ganze Großfamilien ebenfalls. In einem Land, dessen Arbeitslosenquote von aktuell 6,3% ein anhaltendes Problem ist. Vor allem ab Mittelitalien südwärts.
Wie aus dem Zauberhut
kommt da ein Rechenexempel im Regierungsauftrag ins Spiel.
Bewirtschaftete Sandstrände gibt es nur auf etwa 2000 km. Auf Klippen und an Steilküsten heißt es: spiaggia libera. So auch an vielen Strecken zwischen den kommerziell betriebenen Strandabschnitten. Nach der neuen Messung des Pro-Lido-Gremiums wäre das weit weniger als ein Fünftel an Bezahlstränden. Und damit wäre die EU mit ihren Wettbewerbsforderungen außer Gefecht gesetzt. Für Bella Italia hieße das: Schutz vor ruinösem Unterbietungswettbewerb an den Stränden. Wer rechnet, gewinnt! Das EU-rechtliche Thema ist erstmal vom Tisch.
Dennoch: Die Lido-Situation bleibt vertrackt. Carovita, die Teuerung in Supermarkt und Gastronomie, für Gas- und Stromlieferungen hat das Freizeitbudget vieler Römer geschmälert - aber auch ihr Improvisationstalent aktiviert.
Ferragosto ist da!
Ein Freitag. Kein Motorgeräusch weckt mich wie sonst gegen 6, ich schlafe bei geöffneten Fenstern, gegen Biss und Bruch moskitonetzvergittert.

August-Ferien? Ist der Monat August gemeint? Nein. Kaiser Augustus. Der erste römische Imperator (31 v. - 14 n. Chr.). Mit den feriae Augusti belohnte er ab 18. v. Chr. die Landbevölkerung nach der Ernte mit Freizeit und Festen. Nach römischem Kalender, der im März begann, im 6. Monat des Jahres. Nach der Kalenderreform kurz vor der Zeitenwende wurde daraus der 8. Monat, der "August" genannt wurde - zu Ehren des Kaisers.

Christen übernahmen ab dem 5. Jh. die heidnische Tradition, setzten ein Hochfest auf den 15. August, Mariä Himmelfahrt, und ließen die Arbeit ruhen. Erst 1950 wurde daraus ein katholischer Feiertag.
Dennoch dominiert das irdische Vergnügen bis heute auf italienischen Grußkarten. Angesagter Familientag zwischen Freud' und Leid - wie zu Weihnachten. Am heißesten Tag des Jahres, am Wendepunkt des Sommers ist und bleibt auch 2025 il mare das begehrte Freizeitziel:
Viele Betriebe, Geschäfte und Ämter schließen für alle Beschäftigten, oft vom 9. bis Ende August.
Ferragosto im Test
Sind das nur gestanzte Wünsche? Kommen die Römer nun al mare oder nicht? Trotz Teuerung? Am 15.8. bin ich schon früh am Strand von Fregene, 20 km nördlich von Rom. Spiaggia libera e attrezzata. Ein Hybrid-Strand sozusagen. Man kann, muss aber nicht mieten. Gähnende Leere um 8:30 Uhr.

Aufgetürmt das Strandmobiliar. Ragazzi in der Warteschleife, um die Mietware galant an den gewünschten Sonnenplatz der zahlenden Badegäste zu tragen.
Kaum ein Gast in der bar zum günstigen Italo-Frühstück für € 3. Zu viert als famiglia wären es ja auch schon teure € 12. Senioren mit Ruhegehalt genießen Kost und Kühle im Gastraum.
Mittag. Der Strand füllt sich. Mit Selbstversorgern und ihren Strandutensilien aus heimischen Beständen. Die Berge an aufgestapelten Liegen spenden willkommenen Windschatten.


Durchs Restaurant zum pranzo weht der Wind vom Meer. Kein Duft von fritto misto. Strand-Italiener verzichten nicht aufs Mittagsmahl, genießen es aber aus vorsorglich gefüllter Tupperware.

Nachmittag. Der Strand ist in lockerer Formation dicht bevölkert.


Das Verhältnis von Selbstversorgung und Strandvermietung geht eindeutig zugunsten der Sparfüchse aus.
Und wem die Hitze dann doch zu viel wird, der geht auch mal ins Wasser. Aber bitte ohne sportliche Anstrengung, die Schwimmen heißt. Plantschen am Ufer oder auf der Luftmatratze passt. Und Benetzen bis zu den Knien, max. zur Taille reicht manchem schon als Abkühlung. Ondulierte und goldbehangene ältere Nixen scheuen eh das Ganzkörper-Bad.
Wer im Sparmodus mit Vergnügen bis zum Sonnenuntergang bleibt, erlebt noch ein Freilicht-Spektakel:

Wer sich eher aufmacht, kann noch ins urbane Volksfest eintauchen. Al centro bleiben sensible Stellen wie supermercati, farmacie, ristoranti an Ferragosto geöffnet. Cinema, musei e trasporto pubblico gibt's sogar zum halben Preis - Ausgleich fürs Ausharren im Gedränge des Feiertags im Heiligen Jahr. Schon Mussolini wusste 1931: Vergünstigte treni popolari di Ferragosto steigern das Volksvergnügen.

Meine Eindrücke von
Ferragosto und Roms Strandleben
sind lokal und perspektivisch.
Aber
sie rücken ab von der Panikmache
im Rauschen des medialen Blätterwalds.















































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