Sutri - etruskisch, römisch, päpstlich, ganz erstaunlich
- Hilda Steinkamp

- 15. Aug. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Sept. 2025
Weg aus Roms Hitzespeicher ins nördliche Umland

In the Heart of Tuscia

Mein neues Netzwerk mit internationalen expatriats und römischen residenti lädt zu einem Event ein, das punktgenau in den römischen Hochsommer passt.
Da will ich hin. Weg von den 35° in der Stadt und rein ins Inland mit vermuteter meteorologischer Milde. Nix dergleichen! Noch 4° drauf aufs Quecksilber! Aber zum Ausgleich ein Städtchen mit natürlich kühlender Windbewegung in luftiger Höhe von 300 m auf einem Tuffsteinvorsprung gelegen. Esquilino, Roms höchster der sieben bekannten Hügel, fällt mit bescheidenen 58 m dagegen ab. Der Hitzemantel auch, der mich in der Hauptstadt energieraubend seit den ersten Augusttagen umhüllt.

Und Tuscia? Klingt nach Toscana. Stimmt aber nicht. Wäre auch zu weit für ein Aperitivo-Event. Eine zweite Denkkorrektur. Tusci hießen sie, nach römischer Wortbildung, die Bewohner des Siedlungsgebiets zwischen Tiber und Arno. Etrusker waren gemeint, weit länger ansässig als die römischen Siedler und früher Ansporn für die landgreifenden Römer, Land und Leute im 4./3. Jh. v. Chr. als römische Provinz zu erobern.
Der Name hat überdauert, eine geografisch-historische Doppelbezeichnung für ein Ursprungsland mit reichen historischen Siedlungsresten: nördlich von Rom, im Süden der Toskana und westlich von Umbrien. Sutri, der borgo antico, etwa mittig zwischen Rom und Viterbo.

Auf dem Pilgerweg
Die 60 km Anfahrt von Rom nach Sutri sind über autostrada und strada statale (SS2 Via Cassia) schnell zu meistern. Die kurvige Strecke ohne Ausleuchtung und die Erwartung einer ausgelassenen Aperitivo-Runde wecken meinen Sinn fürs Pragmatische.

Eine Herberge muss her. Davon gibt es nur eine einzige im borgo (centro storico) von Sutri. Fußläufig, a quattro passi dal ristorante, in Sprungweite von unserer Event Location. Der Hotelname mit hohem Wiedererkennungswert: Sutrium. Die Buchstaben der etruskischen Inschrift, einst aus dem griechischen Alphabet adaptiert, dann romanisiert, nicht mehr spiegelverkehrt und von rechts nach links zu lesen.
Seit 30 Jahren ein Familienbetrieb, beherbergt das albergo heute in seiner Handvoll Zimmern Reisende jenseits der touristischen Rennstrecken.

Seit dem Mittelalter suchen hier Pilger Kost und Logis auf ihrem langen Weg von England oder Frankreich entlang der Via Francigena, einer der Fernstraßen quer durchs Frankenreich nach Rom. Zwischenstopp am Pilgerweg? Via Francigena ist heute noch aktiv, Sutri eine begehrte Frischestation. Die Vorstellung gefällt mir. Wenngleich die Kost am einzigen Frühstücksmorgen selbst für eine nicht fußlahme Multi-PS-Reisende und für italienische Standards frugal ausfällt. Pilgermahl eben!

Aber wen stört das schon in einem Tuffstein-Städtchen von mittelalterlichem Flair mit verwinkelten Gassen und einladenden piazze, mit regem Wirtschaftschaftsleben und Gastronomie ohne Ende? Da gibt's Nachschub! Der Preis U50€ stimmt, der liebenswürdige Empfang durch die Wirtsleute auch. Das Zimmer groß für Drei, sauber, praktisch, kühl zwischen dicken Natursteinmauern. Zwei verdiente Sterne!
Im Frankenland

das sich über weite Teile West-, Mittel- und Südeuropas seit dem Frühmittelalter erstreckte, mit Gipfelzeiten unter Karl dem Großen (768-814), war auch Sutri gelegen. Carlo Magno was here! In Sutri! So entnehme ich einem Positionsschild entlang der Kunst- und Geschichtsroute durchs Städtchen. Na, dann: auf zu den Überresten seines Castello gegenüber der Tuffsteinhöhe!

Wie? Carlo Magno im Sperrgebiet? Schon lange halte ich es mit den bösen Mädchen, die überall hinkommen. Schilder, zumal in Italien mit seiner kreativen Auslegung von Verboten, schrecken mich nicht. Na ja, hinter dem Schutzschild ist nicht viel zu sehen. Und für eine Burgruine aus dem frühen 9. Jh. eine seltsam intakte Bausubstanz, ohne erkennbare Restaurationsspuren.
Was den Stolz der sutrini auf ihren berühmten Bewohner auf Zeit begründet, entspricht wohl nur der halben historischen Wahrheit. Zu Gast in Sutri, ja, vielleicht, denn die Stadt wurde im frühen 8. Jh. mit der Schenkung des Langobardenkönigs Liutprands an Papst Gregor II. der erste außerrömische Besitz des zukünftigen Kirchenstaates und war ab dann Treffpunkt für Päpste und Kaiser. Und wurde Bischofssitz. Auch Synoden-Tagungsstätte. Sogar Kurzzeit-Exil von Papst Innozenz IV. (1243/4), der vor Kaiser Friedrich II. hier Zuflucht suchte. Karls Kaiserkrönung in Rom im Jahr 800 markiert den Beginn des Heiligen Römischen Reiches. Also historische Berührungspunkte genug zwischen Reich und Kirche. Dass sie sich in einem konkreten Wohnsitz Karls des Großen in Sutri konkretisiert haben sollen, das bleibt allerdings Legende. Selbst Wiki und KI haben überprüfbares Faktenwissen: Die Bausubstanz der Burg datiert aus dem 13. Jh. Ein schöner Anachronismus also! Und ein ebenso gefälliger Ausblick auf die Stadt:

Historisch echt
sind dagegen die etruskischen Felsengräber aus dem 6.-4. Jh. v. Chr. in den Tuffsteinhöhlen unterhalb der Altstadt von Sutri, möglicherweise bereits vor-etruskische Siedlungshöhlen. Längst geplündert und als Stall oder Remise zweckentfremdet, wird die Nekropole heute für Krippenspiele in der Weihnachtszeit genutzt.


In dieser Zeit liegen auch die Anfänge Sutris, nachweislich belegt durch die römische Geschichtsschreibung ab dem 5. Jh. v. Chr. Die Kommune soll ihren Ursprung dem Gott Saturn verdanken. Auch ihren Namen, eine Ableitung des etruskischen Worts Sutrinas. Die Legende hält sich bis heute im Stadtwappen: Saturn mit drei Ähren in der Hand, Symbole für den fruchtbaren Boden der Gegend. Und tatsächlich: Sutri stieg zum Wirtschafts- und Handelszentrum Etruriens auf. Königskrone und Purpurmantel verkünden der Siedlung royale bis imperiale Glanzzeiten. Und so war's, papale inbegriffen (s.o.)! Mehr noch: In den bewegten Zeiten fortgesetzter Machtwechsel der Gebietsherren (5./4. Jh. bis MA) wurde ihre strategische Höhenlage zwischen zwei Bergkomplexen als Brückenkopf militärisch genutzt: für Vorstöße ins Landesinnere, von Römern auch zur Abwehr von Barbarenhorden, die entlang der Via Cassia nach Rom ziehen wollten.
Was ist geblieben aus 2500+ Jahren Geschichte?
Aus der Römerzeit? Das anfiteatro. Komplett aus einem Tuffsteinwall gehauen (1. Jh. v./n. Chr.). Eine Miniaturausgabe des Monumentalbaus Colosseo a Roma. Aber in Anlage und Aufgabe identisch: mit drei Zuschauerrängen und Arena, überdachten Promi-Logen und einem ausgeklügelten Zugangssystem über zwei Eingänge für bis zu 9000 Zuschauer. Zehn Türen führen in überdachte Tunnel, durch die Kampftiere und Menschen für blutige Hetzen in die Arena geführt wurden.

Und aus dem Mittelalter? So gut wie alle früh- und hochmittelalterlichen Bauten im borgo wurden 1433 durch einen Brand zerstört. Holz-Lehm-Bauten, mit Stroh und Schindeln gedeckt, begünstigten einen wahren Feuersturm in den engen Gassen. Die alte Stadtmauer mit ihren Toren sowie die Häuser aus der Wiederaufbauphase und später sind massive Steinbauten. Heute verteilen sich die knapp 7000 Einwohner auf die Altstadt innerhalb und die Neustadt außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer auf den Hängen.
Die mittelalterliche Stadtstruktur ist geblieben: verwinkelte, engste vicoli, durch die Autos weniger fahren als sich schieben; piazze für Menschen und Handel:
Brunnen und der alte öffentliche Waschtrog, antico lavatoio, aus den frühesten Siedlungszeiten erfrischen weiter:
Und dann ist Sutris Schichten- und Wiederverwertungs-Architektur Zeugnis einer jahrhundertelangen Vergangenheit:
Il Mitreo, ursprünglich, ab dem 1./2. Jh. n. Chr., ein heidnischer Ort der Verehrung des Gottes Mithras im Tuffstein neben der Nekropole, wurde von Christen ab dem 13. Jh. als Felsenkapelle genutzt, Freskenmalerei mit Marienverehrung und Christgeburt sowie Pilgerzügen entlang der Via Francigena wurde ergänzt und der Name Chiesa della Madonna del Parto (Geburt) eingeführt:


Mehrere Siedlungszeiten - antike, mittelalterliche und neuzeitliche - fließen baulich in der Bischofskirche Concattedrale di Santa Maria Assunta zusammen. Der Kirchenbau aus dem frühen 13. Jh. ruht auf einer antiken Subkonstruktion, einem heidnischen Kultgebäude. Der romanische Stil der Fassade wurde barockisiert und auch nachfolgend verändert. Aus dem Mittelalter erhalten ist lediglich der massive Tuffstein-Campanile aus dem 10. Jh.:
Und schließlich klingt in den Namen der zahlreichen ristoranti die Stadtgeschichte an: Locanda di Saturno, Osteria Il Mitreo, L'Anfiteatro, Ristorante Liutprando, Il Vescovado.

Und zu allerletzt, aber mindestens ebenso wichtig wie das Tieftauchen in die im Tuffstein verborgene Geschichte der Stadt ist die Geselligkeit, l'incontro sociale, am Abend.
Die Cantina del Drago lädt ein zu Summer Aperitivo e Light Dinner.

Ein trutziger Bau von 1500 für hochherrschaftliche Kreise, erst in Kardinalsbesitz, dann vom antiken Adelsgeschlecht der Del Drago aus Viterbo bewohnt. Ende des 19. Jh.s lässt der Principe das Kellergeschoss für die Weinproduktion umgestalten. Seit 2016 ist die Cantina Gaststätte mit einer nicht nur lokal wertgeschätzten cucina locale e fusion.
Mein primo piatto ist eigentlich für den Verzehr zu schön:

Locker der Service, leicht die Gerichte, leger die Unterhaltung, langsam füllen sich die Tische mit fortschreitendem Abend, der kein Ende nehmen will.

Im Ortseingangsschild wird Sutri für sein reiches historisches und archäologisches Erbe zu einem der Borghi più belli d'Italia gekürt. Eine solche kulturelle Auszeichnung vom italienischen Tourismusrat überrascht mich nun wirklich. Nicht im geringsten!










































































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