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Le Terme di Caracalla - Ballettbühne für Bolle & Friends

  • Autorenbild: Hilda Steinkamp
    Hilda Steinkamp
  • 18. Juli
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Juli

Open-air Summer Show in Roms antiken Bäderruinen

Eine Ballettnacht im Teatro di Opera alle Terme di Caracalla a Roma
Eine Ballettnacht im Teatro di Opera alle Terme di Caracalla a Roma
Heiß wie im antiken Calidarium

ist es an diesem Juliabend gegen 21 Uhr, just vor dem ruinös-schönen Wärmebad in einer der größten antiken Thermen in Rom. Ihren Baubeginn initiierte 216 n. Chr. Kaiser Caracalla, seine Nachfolger übernahmen die Fertigstellung bis zur Eröffnung 221 und finalen Deko-Ausstattung 235. Und heute zelebriert hier ein frischer 50er-Ballerino seine 25-jährige Caracalla-Gala.

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Noch immer locken die gut erhaltenen Ruinen der Badeanlage Besucher an. Zwar sind die Caracalla-Thermen kein Hotspot unter Roms antiken Prestige-Bauwerken. Vereinzelt und in Grüppchen kommen daher eher die archäologisch Neugierigen.

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Scharenweise - so wie heute - schwärmen dagegen die Fans der gehobenen Unterhaltungskultur auf die Plattform vor der grandiosen Ruinen-Kulisse und werden - bis 21:00 Uhr plus einer nationaltypischen Extra-Viertelstunde - die Tribüne bis auf den allerletzten der ca. 5000 Sitze füllen. Aber das dauert noch. Bis dahin:

Ein paar News zur Location
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Hitze an diesem Event-Tag - und die ganz ohne die einst unterirdisch betriebene Heizungsanlage der Caracalla-Thermen, befeuert mit Holz von der Pinie - diesem typischsten aller römischen Bäume mit Skyline-Präsenz in Stadt und Hügelland. 9000 Sklaven und Heizungsfachleute und ungezählte Zugpferde hatten Festanstellung in den drei unterirdischen Ebenen der Thermen, wo in 50 Öfen täglich 10 Tonnen Holz verfeuert wurden, womit über Aquädukte umgeleitetes Brunnenwasser erhitzt und etliche Warmwasserspeicher bedient werden konnten.


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Geschätzte 6000 bis 8000 Badegäste kamen hier auf etwa 1 km² Fläche Tag für Tag auf ihre Gesundheits-Kosten: im Warm- und Kaltbecken (calidarium und frigidarium), im Wellnessraum mit Liegen und lauwarmen Raumtemperaturen (tepidarium), im Schwimmbecken (natatio), in der Sauna, im Gymnastiksaal (palestra - so heißen heute noch die italienischen Fitnessstudios), in Vortragssälen, praktischerweise auch in Umkleideräumen und Latrinen und - zum cooling down - in Wandelhallen und im Schattenbereich der weitläufigen Grünanlagen unter Pinien.

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Brot (aus den Holzkohleöfen) und Bibliothek führten Kopf und Körper vital wichtige Energien zu. Mens sana in corpore sano - damals gelebter Alltag in der römischen Bevölkerung.

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Der Körperkult der Alten fand in Athleten-Mosaiken seinen künstlerischen Ausdruck. Diese Kunstobjekte haben längst einen sicheren Standort in den Vatikanischen Museen gefunden. Wie so oft in Roms baulicher Verwertungsgeschichte wurden die Thermen in späteren Jahrhunderten zum Steinbruch. Gestein und Skulpturen halfen Paläste und Kirchen zu bauen und zu verzieren, darunter - mutmaßlich - auch der Petersdom. Die gotische Zerstörung der Aquädukte im 6. Jahrhundert war dagegen rein destruktiv, um Rom verdursten zu lassen.

Bodenmosaiken © Foto: Hercules Milas / Alamy
Bodenmosaiken © Foto: Hercules Milas / Alamy
Heiß auf Roberto Bolle and Friends
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sind wir alle an diesem ersten von zwei Event-Tagen. Ausgebildet an der Accademia Teatro alla Scala in Mailand wird der ballerino italiano weltweit auf den großen Ballettbühnen gefeiert. Der Artist ist mit seiner Gala Stargast des Caracalla-Festivals, in gruppo mit internationalen Stars und aufsteigenden Sternchen.


Und als die Römerinnen und Römer endlich im Mußeschritt alle auf der Tribüne eingetroffen sind, erleben wir ein ästhetisches Update der antiken Körperkultur im Bühnentanz.


Im Solo oder als Paar inszenieren die Akteure im Handlungsballett Themen mit archaischen Wurzeln und überzeitlicher Gültigkeit: Harmonie und Paarliebe, Attraktion und Aggression der Geschlechter (hetero- wie homogen), Zwist, Kampf und Kompromiss von Macho-Rivalen, Narziss und Selbstliebe, Individuen in Grenzsituationen. Körpersprache, Choreografie, Kostümierung und Musik wechseln dabei zwischen klassisch und modern.

Straffes Workout, physisch und mental, diätische Disziplin - nichts davon ist den Bewegungen dieser Profitänzer anzumerken, wenn sie den Bühnenraum mit Leichtigkeit erobern: mal mit Anmut und Anschmiegsamkeit, dann mit Spannung und Sprungkraft.


Als Höhepunkt im Solo-Finale spielt und ringt Roberto Bolle mit der Weltkugel. Der ballerino als moderner Atlas aus der griechischen Mythologie, ein Titan, von Zeus dazu verdammt, das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern zu tragen, mit Kraft und Ausdauer. Und hier auch grazil und demütig.

Römische Kopie einer griechischen Atlas-Skulptur, 2. Jahrhundert, Museo Archeologico, Neapel
Römische Kopie einer griechischen Atlas-Skulptur, 2. Jahrhundert, Museo Archeologico, Neapel

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Die Nacktheit der antiken Atlasskulptur scheint sich in der Ballerino-Figur zu wiederholen. Tatsächlich aber spielt hier die textile Verhüllungskunst der Kostümbildner mit ihrem Illusionseffekt dem Auge aus der Distanz der Zuschauertribüne einen ästhetischen Streich.


Diese dichte und vielseitige Tanz-Show bejubelt das römisch(-germanische) Publikum mit lobenden Zurufen: Bravo! oder Brava! oder Bravi! (je nach grammatischem Genus und Numerus der Akteure) oder Bravissimi!, wenn Südländer superlativisch hingerissen sind. 10.000 Hände erheben sich zum anhaltenden Schlussapplaus:

Caracalla - Herrscher mit Mantel, Macht und Marketing

Der Name „Caracalla“ stammt nicht etwa von einer glorreichen Schlacht oder einem großen Sieg, sondern von einem einfachen Kapuzenmantel (lat. caracallus) – einem Kleidungsstück, das bald zum Symbol seiner Herrschaft wurde: Dresscode für seine Soldaten, bei kaiserlichen Empfängen auch fürs römische Volk.


Marcus Aurelius Severus Antoninus  (188-217 n. Chr.) war klein von Gestalt und groß in seinen Ambitionen. Schon als Knabe stieg Caracalla 197 als Mitherrscher seines Vaters auf den Thron, teilte ihn 211 kurz mit seinem Bruder bis zu dessen Ermordung, kämpfte drakonisch weiter für seine Macht - und verlor sie und sein Leben, als die Loyalität seiner Soldaten in tödliche Intrige umschlug.


Der junge Imperator kannte sich bestens darin aus, wie er Senat und Volk Roms für sich gewinnen konnte: durch Volkesgunst, Prachtbauten und militärischen Ruhm. Die beiden ersten Amtserfolge

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verbuchte Caracalla mit seinen Luxusthermen, elitär der Bau, nicht aber die Kundschaft, öffentlich zugängliche Badeanstalten an Roms ärmerer Peripherie zur Erholung und Zerstreuung des populus romanus. Schon 212, gleich nach Amtseintritt, hatte Caracalla allen freien Bewohnern des Römischen Reiches römische Bürgerrechte geschenkt. Der römische Senat wurde multikulti. Imagepflege oder Fürsorgepflicht? Mit großzügig angehobenem Soldatensold stockte der Kaiser das römische Militär auf und kassierte Ruhm auf seinen Feldzügen. Gemunkelt wurde aber, dass er Gelder für Friedensvereinbarungen ausgab und Siege inszenierte. Ein Kaiser mit PR-Talent! Genutzt hat es ihm nicht lange. Zuletzt war nur noch seine Fallhöhe groß.

Ebenso entspannt,

wie RömerInnen zum Kulturgenuss schritten, schlendern sie nach zwei Stunden Kultur-Wellness wieder zum Ausgang. Die Caracalla-Thermen versprühen auch nach 1800 Jahren noch ihre Wohlfühl-Wirkung.

Unglaublich, wie lässig und uneilig der Besucherstrom über die beiden einzigen Fußpfade zum Ausgang verläuft, plaudernd und plätschernd, auch mal stockend, wie beim Anblick der nächtlich erleuchteten Baderuinen. Oder Pinien.

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Es ist Mitternacht an diesem Wochentag. In Rom beginnt für viele der nächste Arbeitstag nicht vor 9:00, 9:30. Pazienza e calma, Geduld und Ruhe sind das Zwillingsgespann auch auf den wilden Parkplätzen rund um die Thermen. Beidseitig an einer einspurigen, nur notdürftig asphaltierten Fahrfläche gibt es zwischen Pinienstämmen Einbuchtungen auf vertrocknetem Gras, Platz für ein Gefährt. Auch für zwei gequetschte 500. Im eleganten Rückwärts-Einfädelmanöver rollen die Besucherautos auf die Fahrspur - no sweat, no honking, keine Vorteils-, pure Rücksichtnahme. Und nicht ganz ohne Eigennutz.


La vita alla romana -

da wird der Alltag

zum Festtag!



 
 
 

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